Wie die Schweiz in den Nullerjahren den Preiskampf lernte
«M-Budget» gäbe es ohne den Markteinzug von Aldi und Lidl möglicherweise nicht. (key)
Jahrzehnte dominierten Migros und Coop den Schweizer Detailhandel. Die Konkurrenz verschwand ganz. Waro, Pickpay oder Epa sind Geschichte. Denner gehört nun der Migros.
Dass zwei Player den Markt dominierten hiess für die Konsumenten: Was auf den Tisch kommt und vor allem zu welchen Preisen, das bestimmen Coop und Migros. Und die Preise waren hoch. Im Schnitt waren Lebensmittel um 50 Prozent teurer als in der EU, in einzelnen Bereichen gar doppelt so teuer.
Doppelt so teure Produkte
Natürlich war auch die Marktabschottung für landwirtschaftliche Güter verantwortlich für die hohen Preise. Aber zu einem grossen Teil sorgte das Duopol Migros-Coop dafür, dass keiner der beiden Anstrengungen unternahm, die Preise zu senken.
Zum Beispiel, in dem man den Betrieb effizienter führt oder härter mit den Lieferanten verhandelt . Bei den Markenartikel-Hersteller war es denn auch ein offenes Geheimnis, dass man den Schweizer Detailhändlern die Produkte doppelt so teuer verkaufen kann als den europäischen.
Die Schweizer Konsumenten akzeptierten die hohen Preise - oder wichen aus ins Ausland. Milliarden Franken gaben sie dort aus. Häufig bei Aldi und Lidl, den deutschen Discountern, wo eine Milch statt 1.60 nur gerade 49 Cent, also 80 Rappen kostete.
Schweizer Billiglinien
Aldi und Lidl witterten ein Geschäft, und als die Schweiz dank den bilateralen Verträgen die Handelsschranken allmählich öffneten, kündigten sie zu Beginn des neuen Jahrtausends an, in die Schweiz zu expandieren.
Allein die Ankündigung bewirkte viel. Die Schweizer Detailhändler wurden nervös. Migros baute die Billiglinie M-Budget massiv aus und senkte die Preise. Coop lancierte plötzlich Prix Garantie, obwohl der Basler Detailhändler ein Jahr zuvor noch gesagt hatte, tiefe Preise seien kein Bedürfnis der Coop-Kunden.
Als dann 2005 die ersten Aldi-Filialen aufgingen, stellte sich ein wenig eine Ernüchterung ein. So günstig wie Aldi Deutschland war Aldi Schweiz nicht. Doch der Schweizer Ableger konnte eben auch nicht zaubern, Löhne und Ladenmieten oder Bauland sind teurer als in Deutschland, und viele landwirtschaftliche Produkte musste Aldi wegen dem nach wie vor strengen Grenzschutz bei Agrarprodukten in der Schweiz einkaufen.
100 neue Aldi-Filialen
Doch gerade beim Gemüse und beim Nonfood konnten Aldikunden im Vergleich zu Coop- oder Migroskunden sparen. Und eines darf auch nicht vergessen werden. Die Preisunterschiede zur Konkurrenz waren nicht derart hoch wie erwartet, weil die Migros und Coop die Preise bereits gesenkt hatten.
Nach dem Markteintritt von Aldi sind fast vier Jahre verstrichen, bis mit Lidl der zweite deutsche Discounter seine ersten Geschäfte eröffnete. In dieser Zeit baute Aldi das Filialnetz auf über 100 Verkaufsstellen aus, hielt den Preisdruck aufrecht. Lebensmittel wurden in der Schweiz tendenziell günstiger.
Lidl sorgt für weiteren Preisrutsch
Drei Monate, bevor Lidl die ersten Läden eröffnet, gibt es einen weiteren Preisrutsch. Diesmal bei den Markenartikeln. Coop kündigt eine Preissenkungsaktion. Denn Lidl führt im Gegensatz zu Aldi Markenartikel, und die Angst ist gross, Kunden an den neuen Mitbewerber zu verlieren.
Heute haben Aldi und Lidl zusammen noch keine 200 Geschäfte. Migros und Coop hingegen weit über 1000. Migros und Coop sind also weiterhin die Platzhirsche. Doch vor allem Migros verliert Marktanteile an die neuen.
Weil die Bevölkerung in der Schweiz stetig wächst, halten sich die Marktverschiebungen allgemein aber in Grenzen. Ihre wichtigste Funktion ist aber: Den Druck auf die Preise aufrecht zu erhalten. (ehrat)
