Verdichtetes Bauen oder eine neue Stadt?
Auf dem ehemaligen Industrieareal der ABB im Norden von Zuerich entstand um die Jahrtausendwende das komplett neue Quartier «Neu-Oerlikon». (key)
Dass er sich für die Zukunft interessiere, habe ganz einfache Gründe, sagt Peter Keller, Architekt, Raumplaner und Vorstandsmitglied von Swissfuture. «Die Vergangenheit kann man nicht mehr verändern, in der Gegenwart können wir nur beschränkt agieren. Die Zukunft ist der einzige Raum, wo man noch etwas machen kann. Das ist die grosse Hoffnung, aber auch die grosse Verpflichtung.»
Eine Studie der Credit Suisse rechnet vor: 2020 werden neun Millionen Menschen in der Schweiz leben. Damit wird unweigerlich die Platzfrage aufgeworfen. «Der Wohnraum wird vor allem im Mittelland wirklich knapp», sagt Peter Keller, «in diesem Raum ist jetzt schon alles ziemlich verbaut.»
Wenn die Zukunft-Statistik der Credit Suisse stimmt, wird es in den nächsten zehn Jahren jedes Jahr 80'000 Einwohner mehr in der Schweiz geben, die eine Wohnung brauchen werden. «Das ist pro Jahr eine Stadt wie St. Gallen», erklärt Keller.
Pro Sekunde ein Quadratmeter
Es werden in den nächsten Jahren nicht nur mehr Leute in der Schweiz sein, sie werden auch immer grössere Ansprüche haben; grössere Wohnungen, mehr Platz an der Arbeit. «Der Quadratmeter pro Sekunde, der heute schon verbaut wird - dieses Tempo wird wahrscheinlich so bleiben.»
Eine Patentlösung für dieses Wachstumsproblem hat auch Peter Keller nicht. Es sie jedoch wichtig dass unser Siedlungswachstum nicht mehr flächenmässig nach aussen gehe, sondern im Inneren stattfinden würde. «Wir müssen schauen, dass diese Flächen, die heute noch frei sind, auch frei bleiben. Und das Wachstum muss dort stattfinden, wo heute bereits gebaut ist.» «Verdichtetes Wohnen» nennt sich diese Strategie. Eine Herausforderung, denn die Lebensqualität jedes einzelnen soll erhalten bleiben.
Unpopuläre Idee: Der Bau in die Höhe
Heisst verdichtetes Wohnen, dass Singles 2020 nicht mehr in Drei-Zimmerwohnungen leben, sondern ausschliesslich in Einzimmerwohnungen? Nein, glaubt der Architekt, er sähe da noch eine andere Möglichkeit. Zum Beispiel sollten in bereits gebauten Gebieten, wie alten Fabrikgebäuden, neue Wohnungen entstehen. Das gleiche gelte für Bahnareale. Ausserdem gibt es immer noch die Möglichkeit in die Höhe zu bauen. Diese Möglichkeit ist in der Schweiz immer noch nicht besonders populär, für Arbeitsplätze sei diese Möglichkeit aber sehr geeignet, findet Keller.
Und der Raumplaner kann sich noch eine ganz andere Variante vorstellen: Statt das Gemeinde, Städte, Dörfer jedes Jahr ein bisschen wachsen, könnte man auch eine ganz neue Stadt schaffen. «Diese Idee ist nicht ganz neu. Bereits vor fünfzig Jahren wollte man in der Schweiz eine neue Stadt bauen, ist davon aber wieder abkommen.» Peter Keller meint aber, solche Art von Ideen sind zumindest diskussionswürdig.
Das enge Zusammenleben könnte gefährlich sein
Kann sich im Jahr 2020 der Mittelstand überhaupt das Leben in der Stadt noch leisten? «Es ist der Erfolg der Raumplanung zu verdanken, dass man in der Stadt wieder gerne wohnt», sagt Keller. Aber die Attraktivität treibe auch die Preise in die Höhe. Das habe ein gewisses Gefahrenpotential. Nämlich, wenn gewisse Gebiete nur noch für eine bestimmte - reiche - Schicht zugänglich seien. «Das gibt Spannungen, Sicherheitsprobleme und das Zusammenleben ist echt gefährdet.» (che)
