Verdacht auf Bankabsprachen im grossen Stil
Weko-Sitz in Bern. (Keystone)
Wichtiger Referenz-Zins für viele Finanzmarktgeschäfte, der täglich in London festgelegt wird. Zwölf international tätige Banken melden dafür den Zinssatz, zu dem sie am Markt anderen Banken Geld leihen oder von anderen Geld bekommen. Der Durchschnitt der zwölf Zinssätze ergibt den London Interbank offered rate (Libor).
Von Wirtschaftsredaktor Klaus Amman
Jeden Morgen schicken die grossen Banken dieser Welt eine Zahl nach London. Eine Zahl, die sagt, wie hoch sie die Kosten ihrer ausstehenden Schulden einschätzen. Aus den eingegangenen Zahlen berechnet die Britische Bankers Association den sogenannten Liborzins - und gibt ihn um 10.00 Uhr bekannt. Der Libor zeigt an, zu welchem Zins sich die Banken untereinander Geld leihen.
Genau diesen Liborzins sollen die Grossbanken durch ihre Absprachen manipuliert haben. «Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass die Banken ihre Eingaben untereinander koordiniert haben und dann ein möglicherweise verfälschter Referenzzinssatz ausgerechnet worden ist», sagt Thomas Nydegger, der Leiter Finanzdienstleistungen bei der Wettbewerbskommission (Weko).
Vorteile in den unterschiedlichsten Geschäften?
Wenn das stimmt, hätten die Grossbanken also im Voraus gewusst, wie hoch der jeweilige Liborzins ausfallen werde und sich so Vorteile verschafft in den unterschiedlichsten Finanzgeschäften - von den Hypotheken für Bauherren bis zur Ausgabe von Unternehmensanleihen.
Neu ist dieser Vorwurf nicht. Bereits seit 2008 klärt die US-Finanzmarktaufsicht ähnliche Vorwürfe gegen US-Banken und die beiden Schweizer Banken Credit Suisse und UBS ab. Auch die Europäische Kommission ist seit vergangenem Jahr in dieser Sache aktiv.
Zur neusten Untersuchung sagen die beiden Schweizer Banken wenig bis nichts. Die Credit Suisse schweigt, die UBS lässt ausrichten, sie nehme die Untersuchung ernst und kooperiere mit der Weko.
Selbstanzeiger gab den Hinweis
Der entscheidende Hinweis, der zur Untersuchung führte, kam nach Angaben der Weko von einer der verdächtigten Banken. «Diese Informationen stammen von einem Selbstanzeiger, der eine Bonusmeldung eingereicht hat - konkret von jemandem, der an diesen möglichen Kartellabsprachen selbst teilgenommen hat», so Weko-Experte Nydegger. Über die genaue Identität der Person macht die Weko keine Angaben.
Nach Nydeggers Worten startet die Weko nun die wohl grösste Untersuchung ihrer Geschichte. Wann sie beendet wird, ist derzeit noch offen. Wegen der internationalen Dimension der Abklärungen dauere sie aber mindestens ein Jahr, so Nydegger. Er verweist auf die USA: Dort laufe das Verfahren nach vier Jahren immer noch.
Es drohen Bussen
Wenn sich der Verdacht der Weko erhärten sollte, drohen den beteiligten Banken Bussen. Diese können bis maximal zehn Prozent des Umsatzes der letzten drei Jahre auf dem entsprechenden Markt betragen. Ausgenommen davon wäre die Bank, die die Untersuchung ins Rollen gebracht hat. (ank)
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