Buch-Tipp: Judith Hermann «Alice»
Judith Hermann, Jahrgang 1970, debütierte 1998 mit dem Erzählband «Sommerhaus, später». In ihren Geschichten ist es ihr gelungen, ihre Sprache mit Figuren zu kombinieren, die sich den Lesern ins Herz gesetzt haben. Nach dem zweiten Buch «Nichts als Gespenster», ebenfalls ein Band mit Erzählungen, der 2003 in den Buchhandel kam und ähnlich erfolgreich war, liegt nun Hermanns neustes Werk vor. «Alice» heisst es, das ist auch der Name der Protagonistin, die wir in allen fünf Geschichten begleiten.
Wie gehabt bewegt sich Hermann zwischen Erzählen und Skizzieren; von den feinen Verstimmungen junger Leute erzählt sie nur noch im Nebenklang, ihr Personal ist älter geworden und der Tod gibt den Ton in allen fünf Geschichten an. In jeder Geschichte stirbt ein Mann oder ist bereits ein Mann gestorben. Dies animiert besonders Alice, aber auch andere Figuren dazu, vieles neu zu arrangieren; die Gedanken, die Verhältnisse, die Inneneinrichtung: Den Männern stand Alice näher oder ferner - der Verschiedene kann ein ehemaliger Liebhaber, ein väterlicher Freund oder ihr Onkel, den sie gar nicht gekannt hat, gewesen sein. Sie geht auf Spurensuche, ohne genau zu wissen, warum und trotzdem mit grosser Dringlichkeit.
Das Buch lässt einen mit seinem Anliegen «ratlos» zurück und das ist durchwegs stimmig gemeint; der Tod ist ein Thema, bei dem man niemandem zu etwas raten kann, die Konfrontation macht orientierungslos, machtlos, so erscheint einem Alice immer wieder in einer Schwebe, mit verschlagenem Atem vor Kummer, kurz vor dem Einatmen.
Das Buch:
Judith Hermann «Alice»
Erzählungen, 188 Seiten
S. Fischer Verlag
ISBN 3-10-033182-6
SFr. 33.90
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