Buch-Tipp: «Mein sehr lieber Herr Schönengel»
Marie-Jeanne Urech ist 33 Jahre alt, Regisseurin von Kurz- und Dokumentarfilmen und bereits mehrfach publizierte Schriftstellerin. 2006 wurde ihr Roman «Le Syndrome de la tête qui tombe» veröffentlicht, seit kurzem liegt er nun auf Deutsch vor.
Geschichten, die an einem einzigen Ort spielen, haben einen eigenen Sog, mein liebstes Beispiel dafür ist der Film «The Cube». Beim vorliegenden Roman haben wir es mit der «Bude» zu tun, einer Firma, von der wir nichts zu wissen brauchen, was sie produziert, aber umso mehr, dass die Angestellten bei der Einstellung ihre Identität aufgeben. Alle tragen hernach graue Mäntel und heissen «Weisslich», auch die Hauptfigur, Arthur Schönengel.
Er ist es, der nicht versteht, warum die Pausen so kurz sind, dass man sich die Zunge am Kaffee verbrennen muss, wenn man einen trinken will, er ist derjenige, der die Anderen mit einer schrulligen Naivität zum Nachdenken anregt, der menschlich ist und bleibt, während andere «Weisslichs» sich scheinbar bereits in ihren Aufgaben aufgelöst haben.
So ist es Schönengel, der es schafft, die strengen Strukturen der Firma zu lösen. Das Buch, natürlich und bis zum Schluss in schwarz auf weiss, nimmt gegen Ende eine Farbe an, die man nur fühlt und nicht lesen kann; als die Menschlichkeit langsam Einzug in die graue Bude hält, skizziert Autorin Urech immer absurdere, lustvollere Situationen, ein wahres Lesefest. Da ist eine Autorin am Werk, die es versteht, Fantasie, Intelligenz und Wortgewalt – im doppelten Sinne – in einen Topf zu werfen, gut mischen und damit eine neue Welt malen zu können.
«Mein sehr lieber Herr Schönengel » ist ein Rezept für die sanfte Revolte und so ein Muss für KuscherInnen.
Das Buch:
Marie-Jeanne Urech «Mein sehr lieber Herr Schönengel»
236 Seiten
Bilger Verlag, Zürich München
ISBN: 978-3-03762-007-6
CHF: 30.-
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