Buch-Tipp: Erica Fischer «Mein Erzengel»
«Mein Erzengel» ist ein Buch, das auch die Wichtigkeit von Sprache und Austausch, dem «Dranbleiben» in einer Beziehung betont
1943 geboren, wurde Erica Fischer Anfangs der 70er Jahre zu einer der Gründerinnen des österreichischen Feminismus und hat - nicht nur als Schriftstellerin, auch als Journalistin, Gründerin einer Buchhandlung und so weiter - die deutschsprachige Kulturlandschaft bewegt und in Bewegung gehalten. Auch das Buch, das dem Film «Aimée und Jaguar» (1999) zu Grunde liegt und eine Frauenbeziehung zur Zeit des Nationalsozialismus zeigt, wurde von Fischer verfasst. Nun bewegt sie wieder: Mit dem Roman «Mein Erzengel».
Die Hauptfigur Ruth lebt in Wien, ist Schmuckdesignerin (wenn die Autorin Ruth bei der Arbeit «zeigt», wird Fischers Gabe, einen begriffsvollen Kosmos wie den des Schmucks atmosphärisch und unmissverständlich zu beschreiben, deutlich) und lernt den 12 Jahre jüngeren Michaël kennen, als sie über 40 ist.
Sie heiraten, er unterwirft sich ihr, «verrät» mit Absicht «das Patriarchat», wie er es ausdrückt. Ruth drängt alle Bedenken - als Feministin, glaubt sie, würde ihr die Ehe nicht gut stehen - zur Seite und überrascht sich mit dem Sicherheitsgefühl, dass sie dank der Ehe und dem Zusammenleben in Amsterdam hat.
Michaël will es «recht machen». Erst Ruth, dann den Kriegsflüchtlingen, für die er sich engagiert. Von dieser Aufgabe lässt er sich auffressen. Ruth scheint es, als würde er sich vom warmherzigen Menschen in einen Eisberg verändern. Aus Mangel an gemeinsamer Zeit entgleitet sich das Ehepaar und Ruth ergreift die Initiative zur Scheidung.
«Erst wenn man es verloren hat, merkt man, was man hatte», sagt der Volksmund. Bei Ruth ist es komplexer: Sie weiss nicht, was sie «hatte». Nach der Trennung macht sie sich auf Spurensuche: Was hat Michaël zu einem verwundbaren, weichen und doch versteinert harten Menschen gemacht? Mit traumtänzerischer Sicherheit begegnet sie Leuten, die ihr Details aus Michaëls Vergangenheit erzählen: Eine Frau hat seinetwegen das Leben verloren, eine andere hat er zur Verzweiflung getrieben - und er hat einen Sohn.
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