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Donnerstag, 16.6.2011

Depesche aus London: Die unendlichen Freuden des Vinyl

Nicht alles was Vinyl ist, tönt gut. Das ist eine Binsenwahrheit. Aber die meisten Verpackungen, in denen das Vinyl steckt, ist es allemal wert, an die Wand genagelt zu werden.

Vinyl war und ist und bleibt ein Thema, nicht nur für Musikgeniesser.

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von Hanspeter Düsi Künzler

Also, die Tatsache ist mir ja nicht entgangen, dass es in meiner Umgebung Leute gibt, denen meine ständigen Schwärmereien über Vinyl unterdessen ziemlich auf die Nerven gehen. Banausen! Mit Vinyl ist es wie mit meinem lokalen Curry-Restaurant «Geeta»: man könnte täglich dort einkehren und hätte immer noch nicht genug davon. Ditto mein Leib-Plattenladen in London, Rough Trade.

Und die Kombination von Vinyl und Rough Trade sind genau so unwiderstehlich wie das Masala Dosai mit Kokosnuss-Chutney von Geeta. Yes, really. Für meinen neusten Ausflug an die Talbot Road gab es sogar mal wieder einen richtig triftigen Grund. Nämlich darf ich am kommenden Mittwoch, 22. Juni, im Sounds!-Studio sitzen und an der Seite des werten Herrn Dillier neueste Klänge aus meiner Wahlheimat kredenzen.

Um mir selbige zu besorgen bestieg ich bei der Haltestelle Plympton Avenue Bus Nummer 98, wechselte am unteren Ende der Kilburn High Road auf die Nummer 328, und gönnte mir dann aus lauter guter Laune (und einem Hauch Faulheit) noch zwei Haltestellen lang die Nummer 70.

Ein Blick ins Schaufenster von Rough Trade ist nicht gerade ermunternd. Alles was dort steht habe ich entweder schon letztes Mal gekauft, oder es gefällt mir nicht, oder es kommt aus den USA, was mir in der heutigen Situation nichts nützt. Album der Woche ist übrigens «Locussolus» von Locussolus, alias DJ Harvey, auch das nicht unbedingt mein pot of tomato soup.

Ein ähnliches Bild ergibt die Suche im Regal der neuesten CDs.

Also wirklich, wo sind denn all die kreativen Briten hingeraten?

Ich greife zur neuesten Ausgabe von «Artrocker» und tue dies widerwillig: die monatlich erscheinende Publikation ist erbärmlich geschrieben, die Interviews sind von penibelster Banalität, und praktisch jeder Artikel beginnt mit den Worten: «die von den Kritikern hochgelobte letzte Scheibe...und jetzt ist die Band noch biel besser geworden.»

Aber leider kommen im Artrocker immer noch mehr junge, englische Band zum Zug als im New Musical Express, dessen Programm weitgehend durch die Inserenten bestimmt zu werden scheint. Ach, aber da liegt ja auch noch die neueste Ausgabe von Stool Pigeon auf! Schon viel besser. Mit Humor und Stil geschrieben, gratis - aber leider nur alle zwei, drei Monate zu haben. Immerhin: aus den kombinierten Rezenionsseiten von Artrocker und Stool Pigeon erwarte ich, doch einige Inspiration schöpfen zu dürfen. Mitnichten!

Alles, was da rezensiert wird, steht entweder noch nicht in den Regalen von Rough Trade, nicht mehr, oder wird es nie tun. Auch das eine Auswirkung der vom Internet angetriebenen Zerstückelung des Musik-Business: man kann ein halbes Dutzend Publikationen aufschlagen und Läden besuchen und stellt fest, dass es vom Angebot her nur wenig Ueberschneidungen gibt.

Das, was überall zu haben ist, ist die Spitze des Eisberges. Und die ist bedenklich winzig.

Ich finde dann doch noch ein paar aufregende, neue britische CDs. Zum Beispiel die Neue von The Victorian English Gentlemens Club, «Spitting Daggers» von Sparrow and the Workshop und eine Neuentdeckung, die ich den schlauen Stilbeschreibungen zu verdanken habe, welche die Rough Trade-Besatzung jeder CDs ins Leben auf dem Regal mitgibt: The Horn The Hunt. Dazu eine Uebersicht über das musikalische Leben des einstigen Young Marble Giant Stuart Moxham.

Und eine CD, deren Cover ein wahrhaftiges Eigentor präsentiert: Jetzt, wo es ohne Erklärung des Plattenladens bei mir zuhause auf dem Tisch liegt, ist diesem in keiner Weise zu entnehmen, wie der Künstler oder gar das Album heisst. Die CD steckt in einem grasgrünen Kartoncouvert. Vorn ist ein Ring-Donut abgebildet mit einer Brustwarze im Zentrum, hinten der gleiche Donut, aber ohne Brustwarze. Dazu gibt's nur noch die Liste der Songs - sie endet mit «Schnapps».

Schnappsidee, more like. Natürlich steht auch auf dem Silberling selber nix. Moment mal - da: das winzige Logo eines Plattenlabels. El Rancho Records. Google sei Dank. Und siehe da, nicht nur das letzte Stück, auch die Band heisst Schnapps: Immer noch eine Schnappsidee, finde ich.

Natürlich ist die britische Kreativität nicht einfach ausgestorben. Aber derzeit scheint sie sich einfach eher in den Kneipen und Lokalen und Cafés und Fashion-Shops und Webpages zu bewegen als in den internationalen Underground-Plattenläden.

Möglich auch, dass aus den USA derzeit gerade besonders viel Gutes kommt und die Brit-Szene gleichzeitig eine Phase der Neuorientierung durchlebt...Item.

Meine kommende Sendung wurde dann doch noch gerettet, und zwar vom Vinyl-Singeli-Gestell. Mindestens die Hälfte der Namen, denen man hier begegnet, sind zumindest meiner Wenigkeit völlig unbekannt. We Buy Gold? Keine Ahnung - aber Super-Cover und nur £ 2.99 (sFr. 4.-) teuer - sofort gekauft! «Get Ur Shizzit Riiiiight» von Rowdy Superstar, produziert von Matthew Herbert für den World Record Store Day, signiert, Exemplar 327 von 500: wer könnte da widerstehen?

Doppelsingle von A.Human und LA Shark samt «free download» und stilvollem Umschlag - in die Tasche damit! Und erst noch zwei neue Singles aus dem Hause Fruit du Mers, dem Label, das aus jeder Platte ein Gesamtkunstwerk macht, denn auch das Spiel mit farbigem Vinyl will gelernt sein! Und natürlich habe ich noch viel, viel mehr gekauft. Viel zu viel für nur eine einzige Sounds!-Stunde...

Wie eingangs schon gesagt: nicht alles was Vinyl ist tönt auch gut. «Get Ur Shizzit Riiiight» ist ein Rap der enervierend «clever-minimalen» Sorte. A.Human und LA Shark könnten La Roux sein, nur ohne Stimme und Schlager-Refrain, Trash Kit sind mir zuwenig trashig und das derzeitige Geschrei um CocknBullKid bleibt mir weiterhin ein kapitales Rätsel. Aber einen knalligen Wandbehang geben sie alleweil ab, mit oder ohne Umschlag. Bald habe ich genug für eine ganze Wohnzimmerwand!

Die neuen Platten aus London im Sounds! Am Mittwoch, 22. Juni.


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In der Musikmetropole London passiert viel. Und zwar nicht nur das, was in den Zeitungen steht. Der Musikexperte und DRS-Korrespondent Hanspeter «Düsi» Künzler tummelt sich seit drei Dekaden in der Londoner Musikszene. Seine Depeschen für die Sounds!-Facebook-Seite servieren Eindrücke, Facts und Anekdoten aus der besten Musikstadt der Welt.

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