Depeche aus London: Die richtigen Töne falsch spielen
Frohnatur: Annie Clark
von Hanspeter Künzler
Bizarre Umstände haben mich gestern Abend in die O2-Arena verweht, wo die ehrenwerte Dolly Parton zwei Stunden lang schöne Lieder aus den Smokey Mountains, Geschichten vom Familienherd und Witze über ihren Mann («Jolene, wo bist du, jetzt, wo ich dich gebrauchen könnte!») und sich selbst («Mensch, ist so ein Banjo schwer - das Lüpfen hat meine Oberweite mächtig aufgebaut!») kredenzte. Jaja, ich weiss, nicht unbedingt ein Sounds!-Thema.
«Aber bitteschön, ohne den Eiger gäbe es auch die Jungfrau nicht. Und drum will ich an dieser Stelle trotzdem kurz meinem Erstaunen darüber Kund tun, wie nahe manchmal «Soul» bei «Kitsch» stehen kann.»
So spielte Dolly ein paar alte Bluegrass-Nummern mit Autoharp und Dulcimer, die dekoriert waren wie ein Hochzeitskuchen – und doch: die Songs versprühten auch auf dieser Riesenbühne vor 10'000 Zuschauern eine hausbacken seelenvolle Authentizität, die endlose Dolly-Geschichten über das Wunder der Familie und den direkten Draht zu Gott nicht ruinieren konnten.
«Ja, Dolly trug diese Geschichten in einem Stil vor, dass man es ihr regelrecht abnahm, dass sie selber dran glaubte.»
Es ist wahrlich ein komisches «Gefühl», einer Show beizuwohnen, wo es von A bis Z um «Gefühle» geht, die in Worten ausgedrückt werden, die kaum je mehr sind als Chiffren; diese «Gefühle» dann auch noch mit Kleidern und Gesten einherkommen, die geradewegs aus Disneyland importiert sein könnten - und man sich des «Gefühles» doch nicht erwehren kann, dass es in diesem Dolly-Zirkusritual irgendwie um fundamentale Dinge geht.
Letztlich verhält es sich aber wie mit der Geschichte vom Sündenfall: wer je im Leben in den Apfel der Ironie gebissen hat, dem wird die Welt von Dolly wohl ewig verwehrt bleiben.
Eigentlich wollte ich ja über etwas ganz anderes schreiben, nämlich mein kürzliches Treffen mit Annie Clark, alias St Vincent, zwecks Beantwortung einiger Fragen zu ihrem neuen, dritten Album «Strange Mercy».
«Schneeweisser Teint, pechschwarzes Haar, Rehaugen und ein Körper so fein gebaut wie ein Schmetterling – so ungefähr sieht die Klischeevorstellung einer ultra-sensiblen Songschreiberin aus, deren Lieder Tiefen ergründen, von denen wir gewöhnlich Sterblichen nur (alp-)träumen können.»
Zumindest in ihrer Erscheinung passt Annie Clark perfekt ins Schema. Sensibel ist sie wahrscheinlich auch. Sonst aber lässt sie sich in keiner Weise in die gängigen Schubladen einpassen.
Noch nicht zwanzig Jahre war sie, als sie die Lieder fürs Debut-Album «Marry Me» komponierte, das vor vier Jahren erschien und fast ausschliesslich mittels Laptop erzeugt wurde.
Zwei Jahre später folgte «Actor», eine herrliche Liederssammlung, wo sie plötzlich ein Sammelsurium von Streich-, Zupf- und Blasinstrumenten einsetzte und dabei ein faszinierendes Talent für eigentümliche Arrangemente und Melodien an den Tag legte.
Und nun «Strange Mercy». Verschwunden sind die Celli, ersetzt durch pfundige Bass-Grooves, schamlos furzende und fiepende Analog-Synthis, lärmige Gitarren-Soli, die an den Rand der Parodie gehen, und Melodien, die man sich auch beim David Bowie der späten 70er Jahre vorstellen könnte.
Drei Prioritäten habe sie gehabt, erklärt die Künstlerin: Erstens sollten es Lieder sein, die sich leicht auseinandernehmen und anders zusammensetzen liessen. Zweitens wollte sie ein paar Gitarren-Riffs zum Besten geben können - versteht sie sich doch in erster Linie als Gitarristin. Und drittens sollten es beinharte Grooves werden: «Die Sache mit den Orchesterarrangementen habe ich ja schon mit 'Actor' durchgespielt», sagt sie. «Das ist erledigt. Diesmal wollte ich Zurückhaltung ausüben. Ich hatte gelernt, die richtigen Noten zu spielen. Jetzt wollte ich lernen, die richtigen Noten gerade eben nicht zu spielen.»
Dass Annie gern lacht, merkte ich früh im Interview. Die Geschichte zum Beispiel wie sie als 12-jährige zur Pijama-Party ihrer Freundinnen in Dallas, Texas, das Album «Aqualung» von Jethro Tull mitnahm und danach nur noch selten Einladungen für solche Gelegenheiten erhielt, amüsierte uns beide königlich.
Der Gigeli-Anfall, der das Gespräch dann nachhaltig entgleisen liess, wurde von der ganz und gar unverfänglichen Frage ausgelöst, was sie denn gerade am Lesen sei.
Sie zählte auf: «Beautiful Losers», der Roman von Leonard Cohen, «Sex at Dawn» («ein Buch über die Evolution unserer Sexualität», erklärt Annie, «und wie diese zusammenhängt mit der Entwicklung der Landwirtschaft und den dadurch hervorgebrachten gesellschaftlichen Veränderungen.»), eine Sammlung von Essays von Martin Amis (wir sind uns einig, dass die Romane des arroganten Briten ärgerlich, die Essays aber ziemlich fesselnd sind)...und dann der fatale Moment, wo sich Annie an das Buch erinnert, das sie im Flugzeug von New York nach London gelesen hat.
«Zombie Spaceship Wasteland» heisst es und ist eine Sammlung von Sketches, Geschichten und Essays von einem Komiker namens Patton Oswalt. Die Geschichte, an die sie sich erinnert, besteht aus den Randnotizen eines TV-Produzenten im Script für eine TV-Comedy, in der es um einen Mann geht, der eine Disco niederbrennt hat, weil...und...und dann...: kurzum, die Künstlerin kann sich vor lauter lachen nicht mehr fassen. Sie schüttelt sich, heult, wiehert, gackert, weint...
«Jeder Versuch, sie auf den graden Weg geschäftstüchtiger Konversation zurückzuführen scheitert. «Warum klingt das neue Album so total anders als das letzte?» Annie denkt kurz nach. Es huscht ein nervöses Zucken über ihr Gesicht, und dann geht's weiter: «Hahaha! Hihi! Ahem, pffft! Sorry! Tut mir echt leid, Jeez, hahaha!».»
Leider, leider, leider ist die Story, die Annie Clark dermassen amüsierte, eindeutig viel zu garstig, um in einem Familienorgan wie diesem breitgeschlagen zu werden.
Demnächst im Sounds!: Das wahrscheinlich nicht ganz komplette Interview mit Annie Clark.
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