Depeche aus London: Das Lädelisterben floriert...
Dub Vendor Record Shop musste leider schliessen.
Von Hanspeter Künzler
Gerade steht wieder eine betrübliche Meldung in der englischen Fachzeitschrift «Music Week». Der legendäre Reggae-Laden Dub Vendor hat die Pforten geschlossen, sprich: macht nur noch Internet und Mail Order.
Die Filiale im einstmals so archetypischen Reggae-Quartier Ladbroke Grove ging schon vor drei Jahren zu. Jetzt folgt auch noch das Hauptgeschäft in Clapham. Das ist natürlich schade - auch wenn ich selber höchstens zwei Mal die Themse überquert habe, um mich dort mit Pre-Release-Singles einzudecken.
Wenn ich jeweils etwas Reggae im Leben brauchte, ging ich gewöhnlich in die Wardour Street in Soho zu Daddy Kool und liess mich vom legendärerweisse hässigen Keith hinter der Theke beraten. Aber auch das liegt in der Vergangenheit: Daddy Kool gibt es auch nicht mehr.
«Am Ende von Dub Vendor ist indessen nicht nur das Internet schuld. Es sind im Lädelisterben noch ganz andere Kräfte am Werk als das böse Lagerhaus von amazon.com, wo es scheint's alles gebe, und erst noch viel billiger.»
Zum Beispiel könnte ich schwören, dass Daddy Kool letztlich wegen der perma-sauren Laune des Besitzers die Pforten schliessen musste. Wer bei Keith einkaufen wollte, hatte eine in meinem Fall mindest zwei Jahre dauernde Prüfung zu bestehen.
Derweil Stammgäste den Weg zum Tresen versperrten, um sich die neuen Singeli gleich stapelweise vorspielen zu lassen (in den englischen Plattenläden gab es private Grammos zum Test-Hören nicht), wurde der Neuling in den hinteren Rängen nur angebellt - von den Stammkunden, die ihn nicht vorlassen wollten, und von Keith, der sich ärgerte, dass er in dem Radau nicht hören könnte, was man wollte.
Wahrscheinlich genoss er aber einfach auch das Bellen und Grunzen. Als ich dann selber zum auserlesenen Strauss anerkannter Regulärkunden gehörte, fand ich sein Benehmen natürlich lustig, auch wenn er mir nie auch nur einen Penny Discount einräumte.
So ab den späten 90er Jahren an fanden die neuen Generationen von potentiellen Kunden eine solche Behandlung allerdings gar nicht mehr amüsant. So manches beleidigte Leberwürstchen stapfte wutentbrannt von dannen, wenn Keith seinen Laden mal wieder mit einer Salve Spucke zugedeckt hatte.
«Wir kennen alle einen solchen Plattenladen - ein Ort, wo man sich gerade wegen der konsequenten Bärbeissigkeit des Besitzers doch irgendwie wohl fühlt.»
Mit grimmiger Verbissenheit hält er gerade noch an seinem Laden fest und lässt jeden Kunden seinen Verdruss über den Verlauf der Dinge auf der Welt spüren. Wir besuchen ihn weiterhin, weil wir uns ihm verbunden fühlen, wohl auch wegen eines Hauches Nostalgie.
Tatsache ist, dann und wann hat mir Keith tatsächlich auch mit ein bisschen Beratung geholfen. Und «Beratung» sowie ein Austausch von Meinungen, Tipps und Anekdoten macht gewöhnlich den grossen Unterschied aus zwischen Analog-Shop und Digital-Shop.
Aber eben: Dub Vendor ist nicht wegen des Internet gestorben oder gar wegen einer garstigen Belegschaft und erst recht nicht wegen der Riots, die gemäss Zeitungsente auch vor dem Dub Vendor-Shop nicht halt gemacht hätten. Der Laden sei durchaus noch gestanden, korrigiert Dub Vendor-Gründer und -Besitzer John MacGillivray. Nur der Laden nebenan sei zertrümmert worden.
Nun habe er selber schon seit längerer Zeit vorgehabt, sich nur noch aufs Internet-Geschäft zu konzentrieren. Als der benachbarte Party-Shop-Besitzer vor seiner Ruine gestanden sei und sich ausgerechnet habe, wie viele ruinöse Monate der Laden geschlossen bleiben müsse, ehe die Versicherungsfragen geklärt und die Renovation vollzogen sei, habe sich MacGillivray kurzerhand entschlossen, sofort aufzuhören und seinen Laden dem Nachbarn abzutreten.
MacGillivray und der Hobby-Journalist Chris Lane, der manchmal Beiträge für die längst eingegangene Publikation Blues & Soul schrieb, fingen 1976 mit einem Stand in einem Markt in Clapham an. In Clapham lebten ebenso viele Jamaikaner wie in Brixton und am Ladbroke Grove, für die es damals noch keine Läden gab (ausser dem von Keith und dem heute als Reggae-Archivar gegründeten Daddy Kool im West End).
Die beiden jungen Männer hielten sich über Wasser, indem sie nicht nur supercoole Pre-Release-Single aus Jamaika verkauften, sondern auch seelenvolle John Holt-Alben für die älteren Generationen (darunter verstand man damals die wellblechartig verbeulten Vinyl-Singles, die von den jamaikanischen Produzenten jede Woche massenweise für die freitäglichen Dance Halls gepresst wurden und wo man nur mit einem bisschen Glück den Stempel lesen konnte, mittels welchem der Name von Sänger und Song aufs weisse Label gedrückt worden war).
Ende der 70er Jahre folgte der erste richtige Shop, 1982 wurde der Laden in Clapham eröffnet. Dieser erlebte eine gewaltige Hausse, als Lane und MacGillivray das Label «Fashion» gründeten und darauf vor allem lokale MCs und Lovers Rock-Stimmen veröffentlichten (einer der grössten Erfolge von Fashion war der wegweisend britische Hitparadenknüller «Cockney Translation» von und mit Smiley Culture - dieser hat sich traurigerweise unlängst während einer Polizeirazzia das Leben genommen).
Bis vor fünf Jahren sei das Geschäft anständig gewesen, erzählt MacGillivray in der Music Week. Reggae sei gegen die Invasion des Internet einigermassen immun gewesen, weil die Heimgebraucher wie auch die DJs gern am traditionellen Vinyl festgehalten hätten.
Das habe sich inzwischen auch geändert - nicht zuletzt deswegen, weil immer weniger Pre-Release-Singles hergestellt werden und in London auch immer weniger Sound Systems im traditionellen Stil existieren. Früher habe man jede Woche 2500 - 3000 Pre-Release-Singles direkt aus Jamaika bekommen, dann seien es noch 1000 pro Monat gewesen, zuletzt 1000 alle drei Monate.
«Das Interesse am neuesten Reggae war geschwunden, Reggae war für die neuen Generationen von Kids mit jamaikanischem Familienhintergrund als Identifikationsquelle nicht mehr wichtig.»
Wer noch Reggae kaufte, das waren die älteren Semester, die sich lieber an Alben hielten - entweder alte Albumklassiker, die neu aufgelegt wurden, oder die Werke junger SängerInnen, die Lieder im alten Stil kredenzten. Aber diese Alben nun waren tatsächlich auch übers Internet erhältlich.
«Für die zweite, dritte und vierte Generation von Jamaikanern» - so MacGillivray - «ist Jamaika nur noch eine lockere Verbindung, keine Identität mehr. Sie brauchen das Verbundenheitsgefühl nicht mehr, das ihren Eltern und Grosseltern so wichtig war.»
Er wolle sich nicht beschweren über den Verlauf der Geschichte: «Reggae war schon immer eine Nischenmusik - jetzt ist es eine Nische innerhalb einer Nische. Ich wollte einen Plattenladen führen, nicht ein Museum. Die Vergangenheit ist ein Ort, wo man gut lernen kann, aber es ist kein guter Ort zum Leben.»
Die Entstehung dieser Kolumne wurde begleitet von: Dylan Leblanc, «Paupers Field» (Rough Trade)
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