Depesche aus London: Der feine Manager von Feist
Nicht alle Manager sind arrogante, hochstaplerische Betrüger und nicht alle PR-Leute trendbesessene Schwätzer. Chip, der Manager von Feist , erwies sich jedenfalls als interessanter und sehr freundlicher Mensch.
Früher hatte jede Plattenfirma eine «Foreign Media»-Abteilung. Leute wie ich waren dazu angehalten, alle paar Wochen dort aufzukreuzen, auch unangemeldet, sich einen Kaffee vorsetzen zu lassen (am Freitag ein Bier), um die neuesten Entwicklungen zu besprechen und die frischen Platten und CDs einzupacken.
Die Büros wussten genau, was den Journalisten lag und was nicht, entsprechend bekam ich immer gleich einen Anruf, wenn eine obskure Indie Band Interviews gab, die weitab irgendwelcher Prioritätenlisten ihre schrägen musikalischen Kreise drehte. Klar ergaben sich aus diesen Begegnungen Freundschaften - einige von diesen haben Dekaden überdauert, auch wenn die betreffenden Leute dem Musikgeschäft längst den Rücken gekehrt haben.
So um die Jahrtausendwende herum waren gastfreundliche Abteilungen in diesem Stil weitgehend verschwunden. Die englischen Filialen der Plattenfirmen (gerade die der Majors) hatten das Sparen entdeckt.
Nun wurden die «Foreign Media»-Abteilungen zu Schaltstellen degradiert, deren Aufgabe es nur noch war, via andere Filialen in Europa Journalisten für die Interviews nach London zu schicken.
So konnten die Kosten der Interviews und, notabene, der Bemusterung, an die anderen Länder abgetreten werden, wobei dieses System auch dafür sorgte, dass nur noch «genehme» Journalisten zum Zug kamen: man wäre ja schön blöd gewesen, einen als leicht bösartig bekannten Schreiberling zu einem Interview mit einer Mariah Carey zu schicken.
Unangemeldete Bierbesuche bei den Plattenfirmen waren fortan komplett out. Man konnte überdies von Glück reden, wenn man vier Monate später bei der gleichen Plattenfirma fürs nächste Interview auftauchte und irgendwo an den hinteren Tischen wenigstens noch ein bekanntes Gesicht ortete, selbst wenn einen dieses nicht wiedererkannte.
Meist kommt es sowieso nicht so weit: entweder wartet man in der Eingangshalle der Plattenfirma, bis man abgeholt wird («Did you have a nice flight?»), oder man sitzt in einem Hotelfoyer, derweil sich der Plattenfirmenknilch übereifrig am Smartphone zu schaffen macht.
Umso erfreulicher sind denn die Ausnahmen, wenn sie passieren. Hut ab denn vor Annette, die uns vor dem St. Vincent-Interview beste, lustige Gesellschaft leistete. Hut ab auch von Annette von Cooking Vinyl, Nicolas von Warp, Ed von Universal und all den diversen Dominos. Lauter Musikfans, mit denen man sich nie verschupft und verstossen vorkommt.
Eine der vergnüglichsten und interessantesten Begegnung dieser Art passierte mir indessen vor und nach meinem Interview mit Leslie Feist, der kanadischen Weltenbummlerin, deren letztes Album «The Reminder» sich ja zum Welthit mauserte.
Auch das Feist-Interview fand in einem Hotel statt. Auch diesmal musste man im Foyer warten, am anderen Ende der unbequemsten Lederpolstergruppe der Welt der Mann von der Plattenfirma sitzend, der ab und zu den Kopf von seinem iPad erhob, um grinsend eine Entschuldigung dafür zu stammeln, dass er «so unsociable» sei, aber der Job nehme einen eben ganz schön in Beschlag.
Zum Glück war der Plattenfirmenmann gerade anderswo, als ich im Hotel ankam. Weil man vergessen hatte, mir eine Kontaktperson anzugeben, blickte ich mich in der Lobby kurz um, entdeckte einen Herrn in der Ecke, der zwar ebenfalls am Laptop hantierte, dennoch aber einigermassen freundlich dreinblickte - und siehe da, der Mann outete sich sogleich als «Chip, der Manager von Feist». Er erwies sich denn als dermassen freundlich und interessant, dass ich auch nach dem Interview noch ein bisschen sitzen blieb, um mit ihm zu plaudern.
Chip ist Rechtsanwalt von Haus aus, ein alter kanadischer Freund von Feist, der halt in die Bresche stieg, als sie Unterstützung brauchte. Sie wohnte noch in Paris, als ihr die französische Abteilung eines Platten-Multis einen Plattenvertrag anbote.
Man habe Für und Wider, als Kanadierin mit internationalen Absichten einen Vertrag in Europa abzuschliessen, lang besprochen. Er, berichtet Chip, habe gefunden, es sei das einzig Richtige: in den USA werde bei den grösseren Firmen alles durch die A&R-Manager bestimmt (A&R: «Artist & Repertoire» - die Pufferzone zwischen den Künstlern und den Geldgebern).
Wenn ein Album halbwegs erfolgreich sei, sei der Künstler danach eher weniger frei, denn jetzt bestehe die Firma darauf, die Elemente in der Musik, die als gewinnbringend erachtet würden, zu maximieren.
In Frankreich aber herrsche ein ganz anderer Respekt vor kreativen Geistern.
Ein halbwegs erfolgreiches Album habe im Gegenteil zur Folge, dass die Zügel nun gelockert würden. So geschehen bei Feist, die sich auf ihrem grossartigen neuen Album nirgends wiederholt, und auch weit und breit kein zweites «1234» serviert.
Am 6. Oktober 2011 in Sounds!: Das Interview mit Feist.
Die Entstehung dieser Kolumne hat begleitet: Feist, «Metals» (Universal)
Hanspeter «Düsi» Künzler
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