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Mittwoch, 19.10.2011

Depesche aus London: Das grüne Lieschen

Es tut richtig gut, in diesem Internet-Zeitalter einen Künstler - bzw. ein Künstlerin - zu entdecken, über die selbst eine lange Google-Aktion kaum mehr als ein altes Bild zu Tage fördert.

Die Blues Kitchen, einen recht grossen, alten Pub in der Camden High Street (DRS 3)

Von Hanspeter Künzler

Liz Green, DJ bei der BBC. Liz Green, «Law of Attraction Queen, spreading positive vibes around the world and back». Liz Greene, Astrologin. Liz Green, Dresses. Liz Green, Mitglied der Stadtbehörden von Kingston-upon-Thames. Lauter Liz Greens, und keine ist die Liz Green, dank welcher ich am letzten Dienstag schon wieder eine mir vorher unbekannte Musikkneipe entdeckt habe, nämlich Blues Kitchen in Camden Town.

«Über diese Liz Green fördert selbst das allwissende Orakel von Google praktisch nichts zu Tage!»

Ausser einem Hinweis aus dem Jahr 2008, einer Vorschau aus der gehobenen, retrospektiv eingestellten Musikillustrierten Mojo, wo Liz Green als eines der zehn Gesichter aufgelistet ist.

«Die eine tolle zweite Hälfte des Jahres 2008»  garantierten - dies übrigens immerhin nebst Fleet Foxes, Bon Iver, No Age und Neon Neon. Noch älter ist das zweite Fundstück: es stammt aus der Tageszeitung The Guardian und trägt ein Datum im August 2007.

Liz Green sei eine bleiche 24jährige aus dem Wirral (das ist die Halbinsel im Westen von Liverpool wo auch die famosen The Coral her kommen) und sie soeben als Overall-Gewinnerin aus dem Talentwettbewerb des Glastonbury Festival hervorgegangen, gerade sei ihre Debut-Single erschienen.

Und sonst? Rein gar nichts. Kein Piep darüber, warum Liz Green trotz des offensichtlich guten Startes dann drei Jahre lang unsichtbar blieb. Und warum sie ausgerechnet jetzt wieder in Erscheinung tritt.

«Selbst die Plattenfirma, die mich überhaupt erst auf ihren Auftritt aufmerksam gemacht hatte, war nicht im Stande, mich mit genaueren Angaben auszurüsten!»

Der Gig finde am nächsten Tag statt, der Eintritt sei gratis, wenn man zufälligerweise in Camden vorbei komme, etc usf. Als ich mich umgehend nach einer Website erkundigte, kam es zurück: «Gute Frage! Wir müssen mal nachfragen.» Und drei Tage später tuckerte die Antwort bei mir ein: «Ist in Vorbereitung.»

Ich muss schon sagen: ich finde einen solchermassen légèren Umgang mit den Zwängen des modernen Kommunikationsgeschäftes erfrischend. Meine Neugier jedenfalls hat es mächtig angestachelt.

Heissa, ein KünstlerIn, der/die sich einem nicht sogleich im Négligée vor die Füsse wirft! Eine Künstlerin, die weiss, dass die Zukunft sie schon irgendwie findet, auch ohne PR-Lügen und virales Web-Geflitter.

Wie gesagt: die Blues Kitchen war mir neu. Es handelt sich um einen recht grossen, alten Pub in der Camden High Street, der - keine Ahnung wann - in einen neuen Pub umgebaut worden ist mit superteurem belgischen Lager und dicken Designer-Pomme-Frites und künstlich antiquisiertem New Orleans-Knellen-Look.

Gewöhnlich verkehren hier scheint's dreckige Rock'n'Roll-, Blues- und R&B-Kombos mit Namen wie The Caezars, The Rumours, Little Barrie (dies übrigens eine echte Sounds!-Band) und Ian Siegal (einer der besten jungen Bluesmänner von England).

Es ist anzunehmen, dass solche Kombos laut genug sind, von zuhinterst in der Halle auch noch das letzte Plappermaul zum Schweigen zu bringen. Liz Green, allein mit Stimme und Akustikgitarre, hatte es da leicht schwieriger.

Umso mutiger, dass sie zum Start gleich von der zugegebenermassen nicht sehr hohen Bühne steigt, um das erste Lied accapella beim Spazieren durch's Publikum zum Besten zu geben.

«Meine Ohren flüstern es mir nach wenigen Tönen schon zu: Liz Green liegt von der Stimme her ganz in der Gegend der grossartigen Karen Dalton, nur klingt sie halt sehr viel englischer!»

Eine Art Mischung von Dalton mit ihrem fragilen Vibrato und einer jungen Linda Thompson. Ihr Repertoire besteht teils aus düsteren Eigenkompositionen, die doch irgendwie heiter wirken, und ebenso düsteren - und doch luftigen - Interpretationen alter amerikanischer Blues- und Folk-Nummern.

Dazu bringt sie allerdings auch einen starken Hauch sehr englische Exzentrik auf die Bühne. Streift sich zum Beispiel plötzlich eine Haube über den Kopf und wird zum Vogel, der unter der Haube hervor einen Song über Vögel zwitschert. Zwischen den Songs reisst sie surreale Sprüche - und jedes Mal sagt sie zwischen dem Ende des Spruches und dem Beginn des nächsten Songs: «Good».

Der Conciergel führte sie mit den Worten ein: «Die transzendental wunderbare Liz Green". Ich bin geneigt, mich mit dieser Einschätzung einig zu erklären. Umso eher, als niemand imstande ist, per Internet nachzuprüfen, ob die Behauptung auch stimmt.»

Vorbei mit dem Frieden: jetzt, wo ich diese Zeilen geschrieben habe, mache ich einen letzten Versuch mit Google, ganz in der Hoffnung, dass wenigstens diese grüne Welt noch jetzt so perfekt sei wie vorher. Aber oh weh, hier ist sie, die nigelnagelneue Website von Liz Green.  Immerhin: ausser einem witzigen Trickfilm ab youtube zu einem Liedchen namens «Displacement Song» gibt's da noch absolut nichts sonst zu bewundern.  Das Mysterium ist gewahrt...

Liz Green ist, wie uns die Plattenfirma zuraunt, im Januar in der Schweiz unterwegs und soll, so heisst's, dabei auch im Sounds! absteigen.

Zum Schreiben dieser Zeilen habe ich gehört: Karen Dalton, «It's So Hard To Tell Who's Going To Love You The Best» (Koch Records).

 

 

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In der Musikmetropole London passiert viel. Und zwar nicht nur das, was in den Zeitungen steht. Der Musikexperte und DRS-Korrespondent Hanspeter «Düsi» Künzler tummelt sich seit drei Dekaden in der Londoner Musikszene. Seine Depeschen für die Sounds!-Facebook-Seite servieren Eindrücke, Facts und Anekdoten aus der besten Musikstadt der Welt.

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