Depesche aus London: The Stone Roses wollen wieder aufblühen
Sehen mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrem Karrierestart noch erstaunlich frisch aus: The Stone Roses
Gerade habe ich ein paar Tage geschäftlich in Washington DC verbracht, abgeschnitten also von News aus anderswo als Amerika. Jetzt sitze ich im Zug von Heathrow nach Paddington und werde fast ohnmächtig vor Staunen ob den Schlagzeilen, die ich in meinem Guardian vorfinde: Manchester United verliert auf eigenem Platz gegen das widerlich reiche Manchester City 1:6! Und die Stone Roses wollen wieder Konzerte geben, ja, sie reden von einem neuen Album. Aus lauter Freundschaft behaupten sie. Das Geld spiele keine Rolle. Hmmm...
«Ich habe ja die britische Obsession mit diesen Strizzis aus Manchester nie recht verstanden.»
Ja, das Debut-Album anno 1989 war recht schön, post-byrds-ige Gitarrenlieder inmitten der allgemeinen Acid-House-Ekstase. Und dann noch der Groove-Remix von «Fool's Gold»: das war ein echter Wegweiser, neun Minuten, welche die bis dahin eher kopflastigen Indie-Gitarren plötzlich reif für die Disco machten.
Heute, da ich die alte Vinyl-Platte wieder aus dem Gestell geholt habe, verstehe ich den Rummel etwas besser: die funkigen Synkopen sind wirklich putzig, das gelegentliche Feedback auch, und, ja, ein paar Refrains stimmen regelrecht euphorisch, und die Gitarren-Orgie von «Good Bye Badman», wow! Aber weltverändernd?
Auf jeden Fall waren die britischen New Musical Express-LeserInnen damals überzeugt, mit den Stone Roses der Welt quasi die neuen Beatles servieren zu können. Auch die Plattenfirma und vor allem die Band selber glaubte an den baldigen weltweiten Messias-Status. Aber es kam anders. Schuld war eine kurze Pressekonferenz im Mai 1990, am Tag vor dem als ersten grossen Höhepunkt ihrer Karriere vorschussgefeierten Open Air-Konzert auf Spike Island.
Die Schreiberlinge waren aus der ganzen Welt eingeflogen worden. Japan war mit einem Grossaufgebot vertreten. Amerika hatte die besten geschickt, Deutschland die zynischsten, Frankreich die charmantesten und die Schweiz den objektivesten, nämlich mich.
Alle drängten sie sich in den Hotelsaal, um den Superstars von Morgen die Zitate von den Lippen zu lesen. Aber diese legten ein Idiotengebaren sondergleichen an den Tag
«In totaler Provinzmanier waren sie offenbar überzeugt, Verächtlichkeit, unflätiges Gefurze, faule Insider-Sprüche und provokative Stille gehöre zum guten Rockstar-Ton.»
Derart eklig zeigten sich die Boys, dass es zwischen Band und Journis bald zu einem Austausch von wohlgezielten Beleidigungen kam. Ein Amerikaner beschuldigte die vier Mannen auf dem Podium zu Recht des mangelnden Respektes. Man hatte die paar Fragen, die bis dahin gestellt worden waren, nur mit Häme gekontert, egal wie dumm oder intelligent sie waren.
So hatte nun niemand mehr Lust auf mehr. Der Amerikaner wollte sich auf Ian Brown stürzen, die Sicherheitsleute verhinderten die Schlägerei. Leider, ist man versucht zu keifen.
«Das Konzert am nächsten Tag war kaum besser.»
Die Band spielte lausig, Ian Browns Interpretation der Lieder ging ins Abstrakte - wenn der Wind sein fades Gesäusel nicht eh in die Richtung trieb, wo das Publikum eben nicht stand.
Eines ist sicher: kein Medienvertreter, der an jenen beiden Tagen das Vergnügen hatte, sich mit den Stone Roses herumzuschlagen, wird je ein gutes Wort über sie verloren haben. An dem Tag ruinierten die Stone Roses ihre Chance, es auf internationaler Ebene zu mehr als Kult-Status zu bringen. Daran dürfte auch der plötzlich ausgebrochenen Frieden samt dazu gehöriger Kreativitätsorgie nichts ändern.
Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört: Stone Roses, «Stone Roses».
Hanspeter «Düsi» Künzler
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