Depesche aus London: Wenn Musik aus dem Grab erklingt
«Immortal» wird nicht der letzte Versuch bleiben, aus dem Vermächtnis von Michael Jackson Profit zu schlagen. (key)
Die amerikanische Business-Zeitschrift Forbes führt Buch über die reichen Leute der Welt. Eine Liste heisst «The 15 Top-earning dead celebrities», die neueste Auflage ist gerade erschienen. Auf Platz eins steht Michael Jackson. Im vergangenen Jahr hat er 170 Millionen Dollar eingenommen, 105 Millionen Dollar weniger als im Jahr davor.
Es folgen...
- Elvis
mit vergleichsweise lausigen 55 Millionen Dollar. - Marilyn Monroe
27 Millionen - Peanuts-Zeichner Charles M. Schulz
25 Millionen - John Lennon & Elizabeth Taylor
beide je 12 Millionen - Albert Einstein
10 Millionen - "Dr. Suess" Theodoer Geisel
9 Millionen - Jimi Hendrix, George Harrison, Steve McQueen, Richard Rodgers & Stieg Larsen
pro Kopf je 7 Millionen - Bettie Page & Andy Warhol
mit bescheidenen 6 Millionen
Death sells. Das ist eine Binsenwahrheits des modernen Musikgechäftes. Nicht nur stürmen aus allen Mauslöchern die Biographen, Photographen und Essayisten, die zur verblichenen Stargestalt wichtiges zu sagen und zeigen haben. Es kommen dazu auch noch all die Plattenfirmen und Ex-Kumpel, die auf dem Estrich plötzlich «neue» Artefakte des Verstorbenen ausgraben.
Bei Michael Jackson war die Flut posthumer Souvenirs gewaltig. Ich bin überzeugt, dass dieser Overkill auch dem toten Jackson noch schadet. Die Lawine von Tributen dürfte dafür gesorgt haben, dass der zufällige Passant bis ans Lebensende genug «Thriller» gehört hat. Überdies war schon die erste offizielle, postume Plattenveröffentlichung umstritten und förderte nur noch den Eindruck uninformierter Zuschauer, dass Jackson halt doch ein Magnet der krummen Dinge war.
«Fundamentalistische Fans hielten es für verwerflich, postum zusammengeflickte Aufnahmen zu veröffentlichen, wo Michael selber doch nie etwas veröffentlicht hätte, das er nicht für perfekt hielt.»
Umstritten war das Album «Michael» aus zwei Gründen: Fundamentalistische Fans hielten es für verwerflich, postum zusammengeflickte Aufnahmen zu veröffentlichen, wo Michael selber doch nie etwas veröffentlicht hätte, das er nicht für perfekt hielt. Weiters wurde angezweifelt, ob an gewissen Stellen wirklich Jackson zu hören war.
Solche Streitereien berühren mich nicht. Mir ist es egal, wenn die Erben von Kurt Cobain dutzende von Live-Aufnahmen, Demo-Tapes und Alternativ-Versionen veröffentlichen, ich muss sie ja nicht kaufen. Das «falsche» «Michael»-Album fand ich eigentlich gar nicht so schlecht, jedenfalls machte es mehr Spass als das verkrampfte letzte offizielle Werk «Invincible».
Und richtiggehend froh bin ich zum Beispiel, dass frühe Aufnahmen von Nick Drake als Bootleg herausgekommen sind. Erst durch die Aufnahmen, die er im Zimmer bei den Eltern gemacht hatte, erkannte ich, wie nahe er am Blues stand (Skip James!) und wie weit er sich davon in so kurzer Zeit entfernt hatte.
Den Protesten von Fans, die postume Ausgrabungen für respektlos erachten, halte ich entgegen, dass es in der Literatur Gang und Gäbe ist, unveröffentlichte Materialen zugänglich zu machen. Oft kommen dadurch faszinierende neue Aspekte zu Tage. Und niemand hält es in der Literatur für pietätlos, wenn Biographen herausfinden, dass Soundso ein Doppelleben führte. Es tut der Gültigkeit des Werkes nur dann Abbruch, wenn die Fundstücke im Widerspruch stehen zu dem, was der Tote in seinem Leben getan und gesagt hat.
Obwohl es mir also eigentlich Wurst ist, wenn postume Klimpereien die Weihnachts-Charts überfluten, störe ich mich trotzdem daran, mit welchem Eiltempo man nun Altes von Amy Winehouse gefunden hat und rechtzeitig für X-mas auf den Markt wirft. Dass Papa Winehouse sagt, pro verkauftem Exemplar käme ein Pfund der Winehouse'schen Alkoholhilfestiftung zu, riecht nach Alibiübung.
«Der perfekte Michael – und in Fall dieses Filmes auch die perfekte Familie – darf in keiner Weise als Wesen erfasst werden, das Fehler machen konnte.»
Bei der postumen Jackson-Industrie wiederum stört mich die ans Hysterische gehende Bemühung, nur den perfekten Michael als wahren Michael akzeptieren zu wollen. So geschehen wieder beim Bio-Film «Michael Jackson – The Life of an Icon». Der Film verlangt uns ab, zu glauben, dass nichts, was in Jacksons Leben je schief lief, auf eigene Entschlüsse zurückzuführen war. Immer waren es anonyme Baddies, welche die Naivität eines guten Menschen missbrauchten und ihn ins Verderben manövrierten. Der perfekte Michael – und in Fall dieses Filmes auch die perfekte Familie – darf in keiner Weise als Wesen erfasst werden, das Fehler machen konnte.
Aber gerade dieses offizielle postume Jackson-Bild von «The Life of an Icon» ist erst recht entwürdigend. Es schadet Jacksons Ansehen viel mehr als eine nicht ganz lupenreine, postume Albumveröffentlichung. Michael wird hier zum unmündigen Pantoffeltierchen degradiert, das nach Thriller keinen Entschluss mehr selber fassen konnte, nur noch an der Leine von «schlechten Einflüssen» in den Tod gegängelt wurde.
Zum Schreiben dieser Zeilen habe ich gehört: Evelinn Trouble – "Television Religion".
Hanspeter «Düsi» Künzler
Mehr zu den Stichwörtern:
