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Freitag, 11.11.2011

Depesche aus London: Immer noch mit Jools

Die TV-Programmierer tun sich seit dem Beginn des Video-Zeitalters schwer mit Musiksendungen. Dabei zeigt der andauernde Erfolg von «Later...with Jools», dass zumindest in diesem Bereich die Devise stimmt: «simple is best».

Later with Jools: die einzige Show, die zählt.

Von Hanspeter Künzler

Ich war nie ein grosser Fan von Musik am TV. Nach dem Ende des legendären «Beat Club» - wie putzig, die psychedelischen Experimente der Regie! - gab es für mich eigentlich keine Musiksendung mehr bis ich in London Bekanntschaft mit «Top of the Pops» und «The Tube» machte.

TotP war vom Format her auch ganz einfach: die Macher suchten sich aus der Hitparade eine Kombination von Neueinstiegen, rasanten Aufsteigern und veritablen Hits aus und liessen deren Interpreten vor abgestellten Mikrophonen gute Laune oder wenigstens Soul mimen (lustigerweise und auf Verlangen der Musikergewerkschaft, die Arbeitsplätze zu sichern trachtete, mussten die Backing Tracks vor der Sendung neu aufgenommen werden, auch wenn sie dann doch bloss ab Konserve kamen).

«The Tube» - präsentiert auch schon vom einstigen Squeeze-Pianisten Jools Holland - war dann bedeutend anarchistischer: ein paar Live-Auftritte, ein paar schräge Comedians und ein paar kleine Filmchen, zum Beispiel über eine dubiose Ledertruppe namens Frankie Goes To Hollywood aus Liverpool (gezeigt ein Jahr bevor «Relax» dann endlich in den Shops stand) - und all das auf glorios amateurhafte Weise präsentiert, dass man nie wusste, was als nächstes schief lief.

Sinnigerweise kam das Ende von The Tube, als Jools Holland in einer Kinderstunde Werbung für seine Sendung machen sollte und live ins Mikrophon brummte:

«OK, you groovy little fuckers...»

Dann trat MTV auf den Plan mit seinen endlosen Repetitionen von Musikvideos, die eigentlich nichts anderes waren als Werbespots für ein Massenprodukt. Die konventionellen TV-Sender versuchten das «revolutionäre» MTV-Konzept mit immer schrägeren, vermeintlicherweise spektakulären neuen Musiksendungen zu kontern.

Ja, selbst das gute alte TotP wurde mit Gags und Gimmicks den neuesten Moden angepasst, und zwar so blöd, dass sich das Publikum in alle Windrichtungen verstreute und die «Marke» TotP zumindest in England unrettbar verloren war und in der Mottenkiste landete.  So gibt es denn heute am britischen TV zwar eine Masse von Musik, aber kein Programm, das wie einst The Tube oder eben TotP schlichtweg alle Musikfans zu hören hatten.

Keines, ausser «Later...with Jools». Wiederum ist das Konzept so simpel, simpler ginge es gar nicht. In einem BBC-Studio haben sich vier, fünf Bands eingerichtet, die alle ein, zwei oder gar drei Songs zum Besten geben, derweil Holland mit einem knochentrockenen Humor den Künstlern Fragen stellt, die in ihrer Banalität oft atemberaubend kühn sind und den Opfern wohl gerade deswegen immer wieder überraschende Antworten entlocken (ich persönlich würde mich ja nie getrauen, einen alten Herrn aus New Orleans im Stil von Holland zu fragen: «So, how did you get into music?»). Zwischenhinein setzt sich der begnadete Pianist Holland selber ans Klavier und klimpert mit einem Gast daher, wie diese Woche mit Aaron Neville.

«Warum funktioniert diese Sendung so gut? Warum ist es die einzige, die wahren MusikfreundInnen überhaupt noch wahrnehmen?»

Weil es da halt um nichts als die Musik geht. Musik zudem, die nicht von einem Marketing-Manager mit Blick auf die Charts zusammengewürfelt wurde, sondern von einem aufrechten Team von Musikfans - dem Produzenten Mark Cooper zum Beispiel, mit dem ich einmal drei Tage in Peking verbringen und dabei aus nächster Nähe erfahren durfte, welche Passion und welches enzyklopädische Wissen in dem Mann steckt -  denen es ein echtes Anliegen ist, neuen Stimmen, oder aber Stimmen aus der Geschichte, oder Stimmen vom Rand, eine Plattform zu bieten.

Dabei legt man sich auch nicht auf einen bestimmten Stil fest. Ja, es kommt noch nicht mal drauf an, ob ein Künstler irgendwo unter Vertrag steht oder nicht. So haben K.T. Tunstall und Seasick Steve und sicher ein paar andere mehr ihre Karrieren einem einzigen Solo-Auftritt bei Jools zu verdanken.

Die Bands selber sehen einen Auftritt bei Jools als eine Ehre, denn sie werden nicht mit teurem Plattenfirmengeld ins Programm eingekauft, sondern sie werden ausgelesen und geben ihr Ganzes. Das bekommt auch das Live-Publikum im Studio zu spüren: unvergesslich ist mir selber ein Auftritt letztes Jahr von Grinderman etwa zwei Meter von mir entfernt: ihre Intensität war dermassen gewaltig, dass selbst ein Publikum, das daheim bestimmt nie Nick Cave hören würde, nicht aufhören wollte mit dem Applaus.

Die Sendung diese Woche machte mir insofern besondere Freude, als ich in deren Programm zwei Namen wiederfand, die ich vor einiger Zeit bereits im Sounds! als persönliche Geheimtipps, sprich: Perlen des Momentes, vorgestellt habe: erstens die herrliche Reggae-Sängerin Hollie Cook und zweitens eine neue Band namens Various Cruelties, deren Vinyl-Single «If It Wasn't For You» mir schon enorm gefallen hatte, und deren Live-Auftritt bei Jools Holland meinen ersten guten Eindruck nur bestätigt hat. Ein Album von ihnen käme «nächstes Jahr», sagte Holland en passent und ohne darauf näher einzugehen. Eben: «Later...with Jools» ist halt kein permanenter Werbe-Jingle.

Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört: Hollie Cook, «Hollie Cook» (Mr. Bongo Records).

 

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In der Musikmetropole London passiert viel. Und zwar nicht nur das, was in den Zeitungen steht. Der Musikexperte und DRS-Korrespondent Hanspeter «Düsi» Künzler tummelt sich seit drei Dekaden in der Londoner Musikszene. Seine Depeschen für die Sounds!-Facebook-Seite servieren Eindrücke, Facts und Anekdoten aus der besten Musikstadt der Welt.

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