Buch-Tipp: Andreas Neeser «Unsicherer Grund»
«Unsicherer Grund» beinhaltet Momentaufnahmen, die die Kindheit der jeweiligen Protagonisten erahnen lassen.
Weg? Oder weiter?
Männer stehen im Mittelpunkt der Geschichten, die wie bewegtes Wasser in einem Gefäss von Rand zu Rand schwappen, die vermeintliche Wirklichkeit hat Oberwasser, dann der Schein, eine Mengung von Erinnerung, Fantasie, Vorstellung.
Männer wie Honegger werden fein gezeigt und gezeichnet: Honegger war Schwimmmeister, mit Frau Ida hat er keine Kinder, Bücher kauft er wegen ihrer Gerüche: «Der Geruch, Ida. Die Farben, die Färbungen, was weiss ich. Das ist Chemie, so viel Leben». Honeggers Mutter ist tot. Ihre Bibel führt er stets mit sich, zum Schluss legt er sie auf ein frei gewordenes Tischchen in einem Café, die Bedienung räumt das Buch mit schmutzigen Geschirr aufs Tablett, trägt es weg - weg oder weiter?
Aus dem Sandkasten
Die Protagonisten sitzen, stehen, gehen durch Dörfer, wir Lesende gehen durch ihre Gedanken, die immer wieder bis in die Kindheit greifen. Mit aussergewöhnlicher Sprache, tastend und doch präzise, bildet Neeser mögliche Charakteren ab, denen mehr oder weniger Sand aus der Kindheit zwischen den Zehen klebt. Besonders die letzte Geschichte, in der sich ein «Ich» an die Fantasiewelten erinnert, in denen es mit der Schwester gelebt hat, zeigt, dass viele Kindheitsempfindungen uns noch im Heute begleiten.
«Unsicherer Grund» ist ein Muss für Naschkatzen. Nach der Lektüre bleibt ein feiner Nachgeschmack lange im Gemüt, bittercrèmig wie tiefschwarze Schokolade.
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