Buch-Tipp: Max Frisch «Entwürfe zu einem dritten Tagebuch»
Max Frisch (1911-1991) war Architekt und Schriftsteller, dessen Bücher, die bis heute nicht an Aktualität verloren haben, zur Weltliteratur gehören.
Wer sich vor allem in der Schulzeit mit Büchern beschäftigt hat, dem sind wohl Frischs Werke «Homo Faber» oder «Stiller» bekannt. Aus Interesse daran, «was von der Schule übrig blieb» hat DRS 3-Literaturexpertin Tania Kummer in einer nicht repräsentativen Umfrage 50 Leute aller Altersstufen und Berufe gefragt, was ihnen zu Max Frisch einfällt.
Was fällt Ihnen zu Max Frisch ein?
Moral ohne Predigt / ungelesen / Biedermann und die Brandstifter / Lover der Bachmann / sprachmächtig / Pfeife / Schwimmbadarchitekt / weinerlicher Macho / kann er lachen?, / berührende Selbstentblössung in «Montauk» / gelesen und das Gefühl gehabt, endlich verstanden zu sein / kleidet seinen Patriotismus in schöne Zweifel / die eigene Beerdigung, die er bis ins letzte Detail selber organisiert hat / linker Intellektueller, wie es sie heute nicht mehr gibt / urschweizerischer «gesunder Menschenverstand» / Zeitkritik ohne Propaganda / im 21. Jahrhundert noch immer begehrte Lektüre.
Max Frisch. Max Frisch. Max Frisch. Max Frisch. Max Frisch. Max Frisch. Max Frisch.
(Eine Zeile Schweizer Weltliteratur.)
Die Tagebücher
Zu Frischs Lebzeiten sind zwei Tagebücher erschienen, die sich nicht wie jene Tagebücher ausnehmen, die wir uns selber zu Nutzen machen, in denen wir also ganz persönliche Gedanken festhalten - es sind literarische Tagebücher, Sammlungen von gestalteten Texten aller Art: Erzählungen, Notizen, Berichte, Beobachtungen.
Im dritten Tagebuch sind es Textfragmente, die uns etwas angehen und beschäftigen, in jedem Fall, auch wenn sie jemande geschrieben hätte, dessen Name uns unbekannt - und auch, obwohl die Texte 28 Jahre alt sind. Weil unser eigenes, noch schweigendes Nachdenken zur Sprache gebracht wird, weil wir in unseren Befürchtungen, in unserer Wut und Ratlosigkeit abgeholt werden, dort, wo wir ganz uns selber sind und dieses Selbst manchmal kaum ertragen. «Gestern wieder gesoffen» heisst es in einem Text oder «Wenn ich mir selbst nichts zu sagen habe, so heisst das vermutlich: ich scheue mich zu wissen, was ich eben erfahre».
«Die Leere vor dem Tod»
Angesprochen werden die Dinge des Lebens. Freundschaft und Liebe, Gesellschaft und Individuum, Innen und Aussen, Aussen- und Innenpolitik. Frisch beschreibt die amerikanische Gesellschaft (die seine Sympathie nicht gewinnt) unter der Regierung von Ronald Reagan.
Frisch wohnte in den 80ern mit seiner jungen Partnerin Alice in einer Wohnung in New York - weitere Wohnsitze hatte er in Berzona im Tessin und in Zürich. Alice ist zunehmend Objekt einer etwas ratlosen Analyse, die Trennung geht mit dem Ende der Aufzeichnungen einher.
Im Tessin schreibt er, beobachtet die Handwerker, die sein Steinhaus renovieren, ihre Stetigkeit, ihren Rhythmus, so scheint es, erwünscht er sich für sein Schreiben - er kämpft gegen das Gefühl, nichts zu Papier bringen zu können. Einen Freund, der Krebs hat, begleitet Frisch wörtlich auf dessen letzter Reise, die Distanz zum eigenen Tod verändert sich, die Fragen zum Sterben häufen sich.
Und immer wieder, welche Worte er dazu auch wählt, fragt Frisch, wie man die «Leere vor dem Tod» füllen könnte, müsste, wie wir uns um die «Zukunft über die eigene Person heraus» kümmern könnten oder müssten.
«Entwürfe zu einem dritten Tagebuch » ist ein Muss für Verwandte und Bekannte. Die Themen dieses Buches sind Frischs Themen, bekannte, die seine Leserinnen und Leser dazu verführt haben und immer noch verführen, sich erkannt zu fühlen, verwandt und abgeholt.
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