Buch-Tipp: Alice Schmid «Dreizehn ist meine Zahl»
Für Tania Kummer ist dieses Werk «eine gelungene Portion authentische Lebensgeschichte».
Ein Dorf auf dem Napf im Entlebuch, Ende der fünfziger Jahre. Was sieht man dort? Die dörfliche Idylle, geprägt von «Gschaffigkeit» und Demut, belebt von Kindern, die am sagenumwobenen Änziloch Abenteuer erleben?
Oder einen von Armut geprägten Ort, an dem Kinder unter harter Arbeit, Missbrauch und bigotter Moral leiden und hoffen, dass sie durch den Abstieg ins Änziloch ihr Leben verlassen können? Es ist eine Frage der Sichtweise. Wir schauen mit den Augen der neunjährigen Lilly.
Kein Halt in der Familie
Lilly hat ein freundliches Wesen und eine warme Fantasie. Ihre Schulkameraden wenden sich mit ihren Sorgen, aber auch mit Zuneigungsbekenntnissen an sie. Doch Lilly kann nicht darauf reagieren, sie misstraut. Sie hat zu Hause nie gelernt, zu vertrauen - seit jeher missbrauchen die Mutter und die beiden Geschwister Lilly für ihre Zwecke.
Der stille Vater könnte helfen, wenn er den Mund aufmachen und für Lilly einstehen würde. Aber dafür müsste er erst für sich selber einstehen. Er macht im Buch eine Verwandlung durch.
Vermeintlicher Halt durch Zwänge
Lilly beobachtet das nähere und weitere Umfeld und sieht furchtbare körperliche und seelische Übergriffe. Da sie mit niemandem darüber reden kann, erfindet sie eigene Erklärungen für die Vorfälle, die sie vorderhand beruhigen.
Zwänge geben ihr vermeintlichen Halt, sie zählt in Angstsituationen auf 13: «Seit ich zählen kann, zähle ich. Das hilft. Dreizehn ist meine Zahl. So oft haut Mutter mich auf den Rücken».
Es ist ein trauriger, aber kein düsterer Roman: Lillys Lebendigkeit und Kraft blitzen durch die Zeilen. Man glaubt, dass sie eines Tages ihren Bedingungen entsteigen wird. (kum)
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