Buch-Tipp: «Das weisse Meer» von Stefanie Sourlier
Rauschend und geheimnisvoll: Ein Buch wie das morgendliche Meer.
Die neun Geschichten in diesem Band haben verschiedene Nenner: Zum Beispiel das sinnliche Spiel mit leuchtend beschriebenen Farben - dem blauen Kupfersulfat aus dem Chemiekasten, dem Weiss des Meeres und des Schnees oder dem Rostrot der Backsteinhäuser in Manchester. Oder das Personal: Figuren, plusminus 30 Jahre alt, die ihre reiche Gedankenwelt mit den Lesern teilen. Eine andere Erzählung zeigt ein verschworenes Geschwisterpaar, das zusammen einsam bleiben will.
Fräulein Sourliers Gespür für Geschichten
In der Titelgeschichte «Das weisse Meer» erinnert sich die Ich-Erzählerin, die in Manchester wohnt, an Leo, die Frau, mit der sie nach Russland ans weisse Meer gefahren ist. Vielleicht hätten sie dort gerne etwas miteinander angefangen, aber sie konnten dann doch «nichts miteinander anfangen». Aber «Das weisse Meer» erzählt auch von der russischen Mitbewohnerin der Erzählerin und vom alten Nachbarn gegenüber, die Geschichte zeigt Manchester und dreht am Schluss zur Familiengeschichte. All diese Geschichten flicht die Autorin in die Hauptgeschichte ein, verknüpft sie und vernachlässigt dabei nicht die Hauptgeschichte, die sie dramaturgisch gekonnt vorwärts treibt.
«Das weisse Meer» ist ein Buch für: Frühschwimmer. Das Buch ist wie das morgendliche Meer: Noch unberührt, rauscht es doch bereits in allen Tönen und man spürt seine Kraft.
Leseprobe: Am nächsten Tag assen wir Blini in einem Einkaufscentercafé, in dem farbige Ballons von der Decke hingen. Ich kann diesen Pfannkuchenkram nicht mehr sehen, sagte Leo. Was willst du eigentlich von mir, fragte sie später, als wir am Ufer der Dwina entlanggingen. Ich sagte nichts. Die Sonne stand hinter dem Rauch der schwarzen Türme einer Fabrik am Horizont, das Wasser des Flusses erschien fast weiss in ihrem Licht.
Tanja Kummer
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