Buch-Tipp: Yvette Z'Graggen «Heimkehr ins Vergessene»
«Heimkehr ins Vergessene», ein Buch über das Erinnern - und den Spagat zwischen zwei grundverschiedenen Gesellschaftsschichten.
Die Genfer Autorin Yvette z'Graggen wird am 31. März 90 Jahre alt. Mit dem autobiografischen Roman «Heimkehr ins Vergessene» rückt sie mit ihren Lesern ins glarnerische Luchsingen aus, dort haben ihre Grosseltern gewohnt, die Eltern ihres Vaters Heinrich (geboren 1891).
Heinrich half nur mit grösstem Widerwillen in der Metzgerei seines Vaters mit, begehrte aber nie auf. Nur habe er, schreibt die Autorin, später kein Gewicht auf sich ertragen, auch nicht das Gewicht der Federdecke, die ihn wärmen sollte - vielleicht eine Erinnerung an das tote Fleisch, das er auf den Schultern zu tragen hatte.
«Vielleicht» - ein wichtiges Wort im Zusammenhang mit Erinnerungen. Wer weiss schon, wie etwas «wirklich» war, wenn wir davon ausgehen, dass auch unser Erleben im hier und heute subjektiv ist? Z'Graggen erzählt, ohne zu beurteilen, leitet sanft mit Mutmassungen: Wie hätte es gewesen sein können?
Heinrich übernahm die Zahnarztpraxis seines ungarischen Schwiegervaters in Genf und so wuchs Yvette Z'Graggen ins Genfer Bürgertum hinein, das ihr als Kind näher lag als das fremde und ferne Luchsingen, in dem man eine andere Sprache spricht. Als Erwachsene schrieb Z'Graggen: «Ich habe ein gutes Gedächtnis. Das Vergessen betrifft nur Luchsingen, die Grosseltern, die Herkunft, von der ich nichts wissen wollte.» Vielleicht durch den Einfluss der feinen Mutter, vielleicht ...
1988 machte die Autorin eine Reise nach Luchsingen und setzte hernach Erinnerungen zusammen. Das Buch lässt eine brüchige Familienatmosphäre erspüren, porträtiert die Schweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts und stellt Fragen an den Prozess des Sich-Erinnerns: Woran erinnert man sich? Welche scheinbaren Kleinigkeiten der Vergangenheit waren wegweisend? Welche Erinnerungen hat man sich bewusst ausgedacht und was ist mit den Erinnerungen, die man «vergessen» hat?
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