Buch-Tipp: Arno Camenisch «Hinter dem Bahnhof»
Erzählkunst made in Graubünden: Arno Camenisch
Das Buch des 1978 geborenen Bündner Autors spielt in einem kleinen Bergdorf in Graubünden. Die Atmosphäre des Dorfes kriecht richtiggehend aus den Zeilen - das ist der von Camenisch kreierten Sprache und seiner Erzählperspektive zu verdanken. Diese legt es nicht offen, deutet aber immer an, dass jedes Biegen um die Ecke eine Entdeckung birgt, in der auch das Unheimliche lauern kann.
Ein Lied zum Lesen
«Soli, sagt er, hier vuala». Camenischs Sätze sind eine Mischung aus Hochdeutsch, Dialekt und Rätoromanisch, die durch die Erzählung in der Kinderperspektive zum Singsang wird, weil der Bub, schätzungsweise um die 6, 7 Jahre alt, Worte so formuliert, wie er sie hört und nicht, wie man sie schreibt. Man begleitet ihn und seinen Bruder dabei, wie sie ihre kleine und kleinste Welt erkunden, zum Beispiel diejenige im «Cäfic». Dort werden Kinkelis - Hasen - gezeugt und geboren, dort frisst die Mutter sie auf. «Ja, habt ihr denn eure Pfoten in den Cäfic gesteckt, fragt der Hubert, und die kleinen gestreichelt vielleicht und rausgenommen und gehalten (...) dann hat das Wibli sie gefressen.»
Alte Kinderaugen
Das Buch erinnert uns an unsere einst staunenden Kinderaugen. Die Augen sind älter geworden, aber wir staunen, Camenisch bringt uns mit seiner lebendigen Geschichte zum Staunen. Die Lausbuben erklären sich die Dinge dank ihrem Erfahrungshorizont der immer weiter wird, bis er am Ende des Buches über das Dorf hinauswächst.
«Hinter dem Bahnhof» ist ein Buch für Unterländer. Wer meint, er kenne das Bündnerland dank wiederholter Ferienbesuche wie die eigene Westentasche entdeckt hier Neuland.
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