Das Modephänomen Chanel
Coco Chanel zeigt, wie man ihre Kostüme trägt: Mit Perlen und Hut - damals (1940) jedenfalls.
Coco Chanel war, so legen es die verfügbaren Biografien nahe, eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Sie predigte nicht nur die Befreiung der Mode und der Frau, sondern sie lebte sie auch selbst vor.
Sie war ein Workaholic, eine von Ehrgeiz Getriebene, eine Besessene und eine Frau, die ihr privates Glück ihrem geschäftlichen Gelingen unterordnete - anfangs vielleicht unfreiwillig, aber mit der Zeit immer bewusster. Coco Chanel war eine selbstbestimmte Frau, die heute noch Eindruck machen würde.
Die textile Rebellion: Der Jersey-Stoff
Coco Chanel probierte Dinge, die vor ihr ungehörig oder unpassend schienen, aber den Nerv der Zeit trafen. Sie merkte schnell, dass man den Frauen etwas mehr als pompöse Hüte bieten musste, etwa ein Stück textiler Rebellion, und sie fand ihren Zaubertrank in Form des Jerseys, eines damals revolutionär neuen, dehnbaren Materials, das ganz neue Schnitte erlaubte. Sie konnte die Damenmode radikal vereinfachen, und das entsprach zu jener Zeit einem Bedürfnis.
Auch Jeanne Lanvin, Elsa Schiaparelli, Madeleine Vionnet oder Madame Grès hatten ihren Erfolg und ihre Zeit, aber Coco Chanel schaffte es zweimal: Nämlich einmal vor dem zweiten Weltkrieg, als grosse Befreierin der Frauen, und danach, als Comeback der als Verräterin und Opportunistin Geschmähten und Verjagten, die es allen Zweiflern zeigte und in einem sehr reifen Alter noch einmal die ganz grosse Karriere in Angriff nahm und reüssierte.
Typisch Chanel: Tweed mit Kontrast-Kante
Ihr modisches Erbe ist das Kostüm, die Kombination aus kurzem Rock und kragenloser kurzer Jacke. Das steht auf ewige Zeiten für Chanel, darüber hinaus ausserdem die Kamelie, die Perlenkette und der Tweed mit einer kontrastierenden Kante. Mit diesen Zutaten kocht man auch vierzig Jahre nach ihrem Tod noch jede Saison neue Menüs. Man muss also kein besonders talentierter Designer sein, um damit etwas anzustellen.
Karl Lagerfeld, der seit 1983 für Chanel die Kollektionen zeichnet, wird nie Chanel sein. Er hat das Talent nicht, und das weiss er. Aber er hat andere herausragende Fähigkeiten, und die liegen im Inszenieren und Vermarkten des Mythos. Und in der unverrückbaren Zähigkeit, in der er der Firmengründerin sehr ähnlich ist. (jvr)
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