Sind die Modemacher allesamt Freaks?
Kann definitiv besser Mode entwerfen als denken: John Galliano, hier inmitten seiner Models 2010 anlässlich einer Dior Haute Couture Show. Inzwischen hat man ihm bei Dior die Tür gewiesen. (key)
John Galliano war ein überaus begabter Modemacher, als er 35-jährig bei Dior anfing. Inzwischen ist er 50 und durch den hohen Einsatz, den er bei Dior jede Saison bringt, ein Sonderling und Exzentriker geworden. Seine Neigung, sich alle möglichen Genussgifte reinzupfeifen, ist in der Branche bekannt. Folgerichtig ist er jetzt an unbekanntem Ort auf Entzug.
Kleine Sonnenkönige
Natürlich entspricht Galliano mit seiner Art ganz und gar dem Klischee, das die Welt von seinem Berufsstand hat. Viele Modedesigner sind schwul, führen sich auf wie kleine Sonnenkönige, kleiden sich ein bisschen ladylike und sagen komische Sachen - auch Karl Lagerfeld genügt diesem Bild, obwohl er sich nach Gallianos Rausschmiss öffentlich von diesem distanziert hat und meinte, sein Verhalten schade dem Ansehen der Mode.
Da gäbe es dann aber noch eine ganze Reihe weiterer Freaks, mit denen Lagerfeld ins Gericht gehen müsste, etwa mit seinem Mailänder Counterpart, Giorgio Armani. Auch er ist wie Lagerfeld ein Titan, der ein Leben führt, das weit entrückt von normalen Dingen ist. In eine U-Bahn sind die beiden vermutlich schon seit 25 Jahren nicht mehr durch ihre Stadt gefahren.
Man sagt, dass Armani eigentlich Medizin studieren wollte, dann aber Schaufensterdekorateur bei La Rinascente geworden ist, bevor er sich in den späten siebziger Jahren mit einer damals befreienden Art von Mode Respekt verschaffte.
Radfahrende Selbstdarsteller
Mit Sicherheit entspricht auch Wolfgang Joop dem populären Klischee des überkandidelten Egozentrikers, der Mode nur macht, um sich selbst möglichst effizient darzustellen. Unter der Oberfläche ist Joop aber ein durchaus sensibler, intelligenter Mensch mit viel Feingefühl, dem es wohl sehr nahe geht, dass sein zweites Lebenswerk, die Marke Wunderkind, jetzt gerade pleite geht.
Im Rahmen einer «Fashion Freakshow» zu erwähnen wäre auch «Punk-Oma» Vivienne Westwood, obwohl diese Frau unter der Fassade der leicht durchgedrehten Seniorin mit den rüebliroten Haaren durchaus feine, sensible Züge hat. In einer Doku auf Arte sah man sie unlängst den ganzen Tag auf ihrem Velo durch London fahren - Lagerfeld und Armani sieht man nie auf Velos.
Auch Sonia Rykiel ist ein Original, das manchmal aussieht, als wäre sie eine Karikatur ihrer selbst. Und natürlich ist die inzwischen 81-jährige Pionierin des Strick-Designs selber nicht mehr an vorderster Front im Tagesgeschäft dabei - das macht schon lange ihre Tochter.
Nicht zu vergessen ist auch Jean-Paul Gaultier: Ein gut gereiftes Original, das Humor und Grips hat, sonst hätte er in diesem Gewerbe nicht so lange überlebt. Tatsächlich macht Gaultier heute aber fast schon Mode für Best Ager, also für seine Altersgruppe - von Provokation ist da, ausser in manchen Showpieces, nicht mehr viel zu sehen.
Oberhexen, obszöne Zigarren-Opas und Hutzelmännchen
Und schliesslich: Die US-Fashion-Freaks, Ralph Lauren etwa, eine Art moderner Kaiser mit der wohl spektakulärsten Oldtimer-Sammlung der Welt, oder der notorisch erfolglose ewige Newcomer Jeremy Scott, der sich anzieht wie ein Teenager, der zum ersten Mal psychowirksame Stoffe zu sich genommen hat. Und natürlich der sehr von sich selber überzeugte Texaner Tom Ford, dessen Ego deutlich grösser ist als sein handwerkliches Talent.
Die Liste liesse sich fast beliebig verlängern, etwa mit der abgemagerten belgischen Oberhexe Ann Demeulemeester, dem obszönen Zigarren-Opa Roberto Cavalli, dem japanischen Hutzelmännchen Yohji Yamamoto oder dem geläuterten Muskelprotz Marc Jacobs.
Man denke auch an den schrulligen Ex-Velorennfahrer Paul Smith, die blonde italienische Zombie Queen Donatella Versace, die inzwischen aussieht, als hätte sie eine Luftmatratze im Gesicht, oder den teuflisch-düsteren Gothic-Designer Rick Owens und, und, und ... (jvr.)
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