Grillieren ist wie Campen: Ein Stück Wildnis für den modernen Menschen
Moderne Nachbildung eines Vikinger-Grillrosts: Was früher Notwendigkeit war, ist heute Lifestyle. (fruehes-handwerk.de)
Wahrscheinlich haben die Menschen schon «grilliert», seit sie Feuer machen können. Die Methode, das «Garen von Fleisch über einer Wärmequelle, ohne dass das Fleisch die Flammen berührt», biete sich einfach an, meint der Alltags- und Kulturhistoriker Hans Peter Treichler. Natürlich war es nicht immer das Filet, das über dem Feuer gegart wurde, sondern in Urzeiten meistens ganze Tiere, mitsamt den Innereien.
Im Mittelalter wurde in der Küche sozusagen grilliert: Es sind Bilder überliefert von Drahtspiessen über dem Herdfeuer. «Von Mellingen im Aargau gibt es ein Ratshausinventar, das zeigt: In der Küche hatte man dort einen selbstdrehenden Bratspiess», erzählt der Historiker. «Da haben sie wohl Ferkel dran gedreht.»
Heute: der Holzkohle-Behälter im Garten
Das moderne Grillieren hingegen geht erst auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Dass man - wie heute - im Garten einen Behälter mit Holzkohle hat, begann in derselben Zeit wie das Camping. «Das hat mit der Sehnsucht des Bürgers aus dem Agglomerations-Quartier nach der Wildnis zu tun», meint Treichler. Mit dem Grill hat man ein Stück Wildnis im Garten.»
Das heisst auch: Grillieren ist mehr Lifestyle, Einstellung, Modesache als Notwendigkeit. «Unsere Urgrosseltern hätten natürlich den Kopf geschüttelt, wenn jemand, der über eine Küche mit Herdplatten und Pfannen verfügt, im Garten Glut entfacht.» (sg)
