Als das Strandbad zum «Schandbad» wurde
Was uns heute als völlig normal erscheint, nämlich zusammen mit dem Partner oder der Familie baden zu gehen, war noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts ein Ding der Unmöglichkeit. Damals mussten Frauen und Männer noch mit getrennten Badeanstalten Vorlieb nehmen.
Erst 1919 wurde das erste Strandbad für Männer und Frauen eröffnet - in Weggis im Kanton Luzern. Weggis war schon damals ein beliebter Touristenort und bereits 1905 entstand die Idee, ein grosses Strandbad zu bauen, zumal man der Meinung war, dass zu einem See-Kurort zwingend auch ein Seebad gehöre.
Nach einer geheimen Abstimmung darüber, ob das neue Bad im Unter- oder Oberdorf entstehen solle, entschloss man sich schliesslich mit grossem Mehr für das Unterdorf.
Das innovative Projekt war von Beginn an ein grosser Erfolg: schon im ersten Betriebsjahr besuchten 31'596 Personen das Strandbad in Weggis.
Trotz - oder gerade wegen - des grossen Erfolgs zog man in der Presse, auf der Strasse, am Stammtisch und von der Kanzel über das angeblich sittenverderbende Bad her - aus dem Strandbad wurde plötzlich ein «Schandbad.»
Die unbeabsichtigte «Werbung» über das «schändlich» Treiben im Lido hatte allerdings auch kontraproduktive Folgen: ein Drittel der Gäste kam gar nicht zum Baden, sondern vor allem zum Gaffen. Und weil zu viel fotografiert wurde, musste die Polizei einschreiten und zur Mässigung mahnen. Nachdem eine Zeitung das Bild eines nackten, planschenden Dreijährigen veröffentlicht hatte, wurde das Fotografieren gar ganz verboten.
Die Berichte hatten aber auch dazu geführt, dass über 12-jährige, männliche Besucher - und Frauen sowieso - brustbedeckende Badekleider tragen mussten und die Kinder des nahen Waisenhauses - der Anekdote nach - strikte angewiesen wurden, einen Umweg um das sündige Strandbad zu machen.
Trotz allem stand das Weggiser Strandbad, dass des grossen Besucherandrangs wegen bereits 1927/28 vergrössert werden musste, Pate für viele Folgeprojekte in der ganzen Schweiz. 50 Jahre später wurde die Anlage um ein Hallenbad ergänzt und 1990 ging die Badanlage des Kurvereins in Gemeindebesitz über.
Buchtipp:
Heinz Horat
«Seelust. Badefreuden in Luzern»
Verlag hier + jetzt, 2008
