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Freitag, 6.1.2012

Depesche aus London: Ein munterer Franzose in England

Frankreich liegt nur am Ende einer kurzen Reise mit der Fähre. Dennoch haben sich die Briten traditionellerweise selten für das musikalische Schaffen der Franzosen interessiert. François & The Atlas Mountains ist es indes gelungen, die Insel quasi von innen zu stürmen.

Aktuell mit ihrem Album «E Volo Love»: François & The Atlas Mountains



Das erste Mal begegnete ich François und seinem Atlasgebirge vor zwei Jahren. Das kam so. Als eingefleischter Fan von King Creosote, The Pictish Trail und ihrem Fence Collective schaue ich immer mal wieder bei deren Website vorbei und bestelle mir dann meist auch gleich die neuesten Perlen, zum Beispiel die Zeitschrift, welche der King ab und zu zusammenstellt und die über weite Strecken völlig unleserlich weil handgeschrieben ist, dafür aber eine CD enthält mit lustigen Demos aus den Küchen- und Badezimmerstudios der diversen Fence-KünstlerInnen.

Fence ist so etwas wie das leuchtende britische Beispiel dafür, welch üppigen Früchte selbst ein konsequentes DIY-Tun hervorbringen kann. King Creosote - alias Kenny Anderson - lebt in Anstruther, einem Fischerdorf an der Ostküste von Schottland. Vor Jahren fing er damit an, seine heimgefertigten Alben auf CD-R zu brennen und im lokalen Laden zum Verkauf aufzulegen. Auch heute noch verschickt Fence bisweilen CD-R. Längst aber ist Fence ein veritables Plattenlabel geworden mit eigenem Hausstil, nämlich Musik aller Art, die weiterhin ganz im Zeichen des DIY-Ethos steht, aus knappen Mitteln möglichst viel herauszuholen und wo Spontaneität, Einfallsreichtum und Witz mehr bedeuten als perfekte Produktion.

«Featured artist» auf der Website ist derzeit das Art-Bleep-Rock-Trio Found aus Aberdeen (es ist die Rede davon, wie man gerade daran sei, das dritte Album aufzunehmen - nun könnte ich aber schwören, selbiges dritte Album heisse «factorycraft» und sei von yours truly vor Monaten schon im Sounds! vorgestellt worden...hmmm). Andere Perlen im Programm: James Yorkston, sowie die Songschreiberinnen H.M.S. Ginafore und Rozi Plain. Anyway.

Eines Tages stand da plötzlich ein Album mit dem Titel «Plaine Inondable» von einer Band namens François & The Atlast Mountains im Programm. Das klang in meinem Ohren ziemlich französisch und ich bestellte mir das Werk, die Vorstellung von Yeh-Yeh-Hits à la Polnaref und Haliday im Stil von Fence war unwiderstehlich. Ich wurde enttäuscht, aber auch wieder nicht.

«Plaine Inondable» klang nicht besonders gallisch, sondern fügte sich mit seinem federleichten, filigranen Gitarren-Sound und den charmant-melancholischen Liedern eher in die lange Tradition von schottischen Bands zwischen Pastels und Belle & Sebastian. Nun sind François & The Atlas Mountains wie immer mal wieder ein Fence-Künstler (ja, manchmal sogar King Creosote selber, wie zuletzt sein herrliches, für den Mercury-Preis nominiertes Album mit Jon Hopkins zeigte) bei Domino Records gelandet. «E Volo Love» heisst das Neuwerk.

Wiederum präsentiert es filigran gewirkte Gitarrenteppiche, bei denen diesmal indes auch ein Hauch von senegalesischem Soukous herauszuspüren ist. Zufälligerweise weilt François Marry gerade in London. Ich treffe ihn im Büro von Domino in Wandsworth. Er wolle Musik machen, die sich dem Hörer nicht aufdränge, sagt der Künstler:

«Ich mag es nicht, wenn im Radio so Musik kommt, die einem das Wasser richtiggehend ins Gesicht klatscht. Meine Musik soll wirken wie ein Sommertag, wo einen wie von allein der Wunsch befällt, ins Wasser zu springen und sich der Musik hinzugeben.»

Wie aber ist es François Marry aus Saintes in der Nähe der französischen Westküste gelungen, in der britischen Musikwelt Fuss zu fassen, wo unzählige andere französische Bands oder Künstler vom restlichen europäischen Kontinent kläglich gescheitert sind? Als grosser Trip-Hop-Fan sei es sein Traum gewesen, in Bristol zu leben, erzählt François: «Ich hatte halt so eine romantische Vision einer verlotterten Industriestadt mit vielen leerstehenden Lagerhäusern voller Künstler aller Art.» 2003 verwirklichte er den Traum: «Und ich wurde in keiner Weise enttäuscht. Die Grosszügigkeit, Offenheit und Freundlichkeit der Menschen dort war überwältigend.»

Ohne jeden Zweifel wäre es ihm in London anders gegangen - die Coolness-Polizei hätte ihm die romantischen Gefühle und auch die neu entdeckte Vorliebe für - tatsächlich! - schottische Gitarrenbands schnell ausgetrieben. So aber lernte er zumeist im Umfeld des Alternativ-Kinos Cube rasch viele Leute kennen, darunter Rozi Plain. Als Teilzeit-Französischlehrer habe er Zeit gehabt für seine Musik, und die DIY-Szene habe ihm ausgesprochen gut gefallen: «Die Menschen da haben sich alle bereitwillig gegenseitig geholfen. So konnten wir immer mehr Konzerte machen, auch im Rahmen der «Home-Concerts»-Bewegung.

«Home- oder Houseconcerts: ein überaus rühriges Underground-Movement der letzten Jahre, wo Künstler und Fans sich via Website zusammentun, um Konzerte und ganze Tourneen unter Garantie einer Mindest-Gage in privaten Häusern zu organisieren: http://houseconcerthub.ning.com/.

François war einerseits nun Mitglied von Rozi Plains Band, andererseits fertigte er CD-R in eigener Regie an. Bis ihn Rozi den Fence-Leuten vorstellte und diese Gefallen fanden an «Plaine Inondable». Uebrigens wohnt François unterdessen wieder in Frankreich: «Ich brauche Platz zum Leben. Aber in England sind die Zimmer so schrecklich klein.»

Demnächst im Sounds!: Das Interview mit François & The Atlas Mountains.

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