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09.02.2012

Depesche aus London: Die Frau, die Lieder sieht

Der Name «Beth Jeans Houghton» geistert seit ein paar Jahren schon durch's Unterholz der britischen Trendpresse. Tatsächlich klingt jetzt das Debut-Album wie sonst nichts.

Während unsereiner Songs nur hört, sieht sie Beth Jeans Houghton auch - als Farbmuster.

Dass sie bei Worten, Zahlen und dem Nennen von Wochentagen Farben sehe, nütze ihr zum Songschreiben wenig, sagt Beth Jeans Houghton: «Ich sehe Farbmuster, wenn ich ein Lied höre. Es gibt andere Leute, denen es gleich ergeht, und sie sind Genies. Mir nützt es nichts. Mich verwirrt es nur».

Houghton ist Synästhetikerin. In der Wahrnehmung von Synästhetikern werden verschiedene sinnliche Eindrücke in diversesten Kombinationen zusammengebracht. Man wird mit dieser Kondition offenbar geboren. Auch James Allen, der Sänger von Glasvegas hat sie: er erzählte mir einmal, er sehe Musik in schwarz/weiss-Mustern, wie in früheren Dekaden, in denen die TV-Stationen um Mitternacht dicht machten und man nur noch so eine Art Blitz-, Strick- und Nadelmuster zu sehen bekam.

Eigentlich hatte ich nicht vor, das Thema im Interview mit Beth Jeans Houghton und ihrer Band, The Hooves of Destiny, anzuschneiden. Aus der Distanz schien es mir sehr ein Thema zu sein, das jedem Journalisten, der sich halbwegs auf seine Begegnung mit der lustigen Diva aus Newcastle vorbereitet, irgend einmal über den Weg läuft, das er für interessant befindet und zu welchem er sich ein paar Questions einfallen lässt. Grund genug, die Finger davon zu lassen.

Dass ich es dann doch noch aus dem Köcher holte, hing damit zusammen, dass Beth und ihre Mannen zu der Art von Musikanten gehören, die lieber Musik machen als drüber lange Worte zu verlieren. So gingen mir schlicht die Fragen aus, die ich als gewissenhafter Journalist fragen zu müssen glaubte.

Dabei sind weder sie noch ihre Kumpane verstockt. Auch desinteressiert sind sie nicht, arrogant oder gar ein Bermuda Dreieck der Gehirnzellen. Im Gegenteil: jedes Mal, wenn eine Antwort zu Ende geführt ist, strahlt einen Beth Jeans Houghton aus Koalaaugen an und wartet geduldig auf die nächste.

Aber eben: «Wir versuchen, unsere Lieder nicht zu stark zu analysieren», sagt sie: «Wenn wir eines zu Faden geschlagen haben, feilen wir nicht noch monatelang daran herum, bis es perfekt ist. Wir spielen es möglichst bald live und schauen dann, was heraus kommt.»

So geht es auch im Interview. Die Antworten, zwar mit gutmütigem Enthusiasmus vorgetragen, bleiben kurz. Auch dann, wenn es um's Erklären ihres überaus originellen Stils geht: eine Musik, die irgendwo zwischen Rockabilly, Brecht/Weill, Joni Mitchell, Punk und Psychedelik liegt und manchmal mit regelrecht militärischen Ra-Ra-ram-tam-tam-Rhymthmen einherkommt. In der Tat verfügt die Band nebst Drums/Bass/Gitarre mit Trompete, Fiedel und Orgel auch noch ein paar weniger übliche Instrumente. Das sei halt so gekommen...

Ein Interview dieser Art könnte ein Greuel sein. In der Tat ist es auch für einen alten Hasen wie mich - wenn ich das mal so sagen darf - nicht einfach, einer ganzen Band gegenüberzusitzen. Wenn man nicht den kleinen Diktator spielt, schwätzen alle gleichzeitig drauflos, oder sie ergehen sich in Insider-Jokes, oder sie machen als Gruppe auf Trotz und Stummheit.

Ganz abgesehen davon, dass es schwierig ist, an einem Gedankengang festzuhalten, wenn aus vier Ecken ständig andere Einfälle daherpurzeln, die zum Teil überhaupt nicht ins Konzept passen, dieses dann aber nachhaltig aus dem Sockel kippen.

Zurück zu Beth Jeans und ihren Schicksalshufen: einen fröhlicheren, höflicheren und zur Kooperation bereiteren Haufen könnte man sich kaum vorstellen. Aber sie reden halt lieber über die Platten anderer Leute. Und da die geneigten Sounds!-HörerInnen vom resultierenden real life-Austausch auch noch etwas haben sollen, will ich an dieser Stelle keine weiteren Geheimnisse verplaudern.

Höchstens noch dies: Das Rendez-Vous mit Beth Jeans Houghton & The Hooves of Destiny war ein echtes Vergnügen. Eine Band, mit der man ewig über ausgefallene Künstler reden könnte. Ich nenne nur ein paar Namen: Girls Togeter Outrageously, Karen Dalton, Melanie...Und: ihr Debut-Album ist in meinem Haushalt das meistgehörte Album der letzten zwei Monate.

Zum Schreiben dieser Zeilen gehört:
Beth Jeans Houghton
«Yours Truly, Cellophane Nose»
Label: Mute

Am 23. Februar 2012 in Sounds! - das Interview mit Beth Jeans Houghton & The Hooves of Destiny.

Hanspeter «Düsi» Künzler

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