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Montag, 23.1.2012

Depeche aus London: Eine Audienz mit «Laughing Lenny»

Weil seine Managerin ihm ein paar Millionen Dollar abgeluchst hatte, während er in der Eremitage meditierte, ging Leonard Cohen im Januar 2008 zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren wieder auf Tournee. Beflügelt vom Erfolg erscheint nun auch noch sein erstes Album seit acht Jahren. Es heisst «Old Ideas». In London stellte er es einem Saal voll Presseleuten vor.

Leonard Cohen

Leonard Cohen genoss nicht immer die Gunst der coolen weiten Welt. Wie alle anderen Angehörigen der Zunft der singenden SongschreiberInnen, wurde auch er von den (Post-) Punks zu den Akten gelegt: gemeinhin wurden Singer/Songwriters als introvertierte Träumer (in den Augen des Zeitgeistes ein Frevel) und eigensinnige Auswüchse der Me-Generation abgetan.

Erst Pioniere wie Susanne Vega, Tori Amos und Ron Sexsmith vermochten diese Künstlergattung Kraft ihrer originellen Perspektiven und schönen Lieder gegen das Ende der 80er Jahre wieder ans Tageslicht zu zerren. Wahre Künstler haben sich allerdings noch nie ums Coolsein gekümmert. Und deswegen hatten Leute mit gutem Geschmack und einem Riecher für doppelbödigem Humor und feine Texte auch in jenen düsteren 80er Jahren unter ihresgleichen immer wieder über die Qualitäten geschwärmt von «Laughing Lenny» - wie er gern von den Scherzkeksen genannt wurde, die zu blöd waren, seine lustigen Pointen als lustige Pointen zu erkennen.

Und unter der Aegide der gehobenen französischen Musik-Illustrierten Les Inrockuptibles scharte sich um 1991 herum eine Reihe von Leuten zusammen, die sich nicht genierten, zu Cohen zu stehen, um neue Versionen seiner Lieder einzuspielen. Die Pixies steuerten «I Can't Forget» bei, von R.E.M. kam ein feines «First We Take Manhattan», von Go-Between Robert Forster «Tower of Song», von Fatima Mansions «A Singer Must Die», von Nick Cave & The Bad Seeds «Tower of Song», und von John Cale «Hallelujah». Leonard Cohen bedankte sich bei allen Beteiligten mit einem handgeschriebenem Fax.

Zeitsprung - 21 Jahre nach vor. Cohens Einfluss - oder jedenfalls der Möchtegerneinfluss - ist bei vielen jungen singenden Songschreibern zu spüren, sein «Hallelujah» ist dank einer käsigen Pop-Version ein Jukebox-Evergreen geworden. Jetzt: Gratisbar im Nobelhotel, dazu ein Kübel Popcorn - die Canapés kämen nach dem «Event» - und in den Rängen alles, was Rang und Namen hat in den britischen Medien. Der Applaus, der Cohen entgegenbrandet, zeigt an, dass wir es hier mit einem Grossen zu tun haben.

Cohen ist knochiger als auch schon, etwas kleiner als man ihn sich vorgestellt hat.

Er trägt den gleichen, simplen, schwarzen Anzug wie auf der Hülle des neuen Albums, das kantige schwarze Hütlein hat er schelmisch auf die Nase heruntergezogen. Er hebt das Hütchen, verneigt sich und sagt: «Keine Angst, ich werde mit dem Rücken zu Ihnen sitzen und wie Sie die Texte und Zeichnungen auf der Leinwand anschauen. Sie können also ganz so reagieren, wie sie wollen.» «Old Ideas» - es ist Cohens zwölftes Album - gehört zu seinen besten. Die vornehmlich mit akustischen Gitarren, Geigen, Banjo, Schlagzeug und einer diskreten Hammondorgel eingespielte Musik strömt viel Wärme aus, die Frauenchöre säuseln gekonnt zwischen Kitsch, Ironie und unbefleckter Engelhaftigkeit. Da gemahnen die Arrangemente an einen eleganten Tom Waits, dort an JJ Cale in Zeitlupe. Dabei ist Cohens Stimme noch tiefer in den Keller gerutscht.

«Wird die Stimme noch tiefer gehen?» fragt Pulp-Sänger Jarvis Cocker, der mit Cohen ein Podiumsgespräch führen darf, ehe die Medien dran kommen: «Will it go, erm, all the way?» «Das kommt vom Aufhören Rauchen», entgegnet Cohen grinsend. Er habe befürchtet, dass er damit seine Karriere ruiniere, dass er fortan eine Sopranstimme habe:

«Aber der landläufigen Meinung zum Trotz wird die Stimme nicht höher, sondern tiefer, wenn man nicht mehr raucht.»

Cocker zeigt sich der Situation nicht gewachsen. Er hat eine Reihe von Fragen bereit gelegt, die alle mit der Herkunft und der Interpretation von einzelnen Liedern oder Zeilen zusammen hängen.

Das kaputte «Banjo» zum Beispiel, das im Lied «Banjo» einsam auf den Wellen des Meeres auf und ab tanzt. «Ob ich je ein solches Banjo gesehen habe?» fragt Cohen zurück und zupft sich gedankenverloren am linken Ohr: «Gesehen? Ich weiss nicht. Vorgestellt, ganz bestimmt.» Die Magie des kreativen Prozesses, darüber will der Meister nichts verraten. Sanft und elegant führt er die Fragen ad absurdum oder gewinnt ihnen einen weisen Scherz ab. Ja, Cohen in Person ist zum Heulen lustig!

Auch ich hätte eine Frage bereit und recke eifrig die Hand in die Höhe. Die Frage dreht sich um ein Poem in seinem letzten Gedichtband, betitelt «Layton's Question»: «Immer wenn ich ihm sage/was ich als nächstes vor habe/fragt Layton ernst/Leonard, bist du sicher/dass du auch wirklich das Falsche machst?» Wie, so möchte ich gern wissen, hat Cohen die Frage auf sein Leben angewandt? Aber ich komme nicht dran.

Andere Journalisten, andere Fragen. Erstaunlicherweise bezieht sich keine auf ein Thema, das in den neuen Lieder nie weit von der Oberfläche steht: das Alter. Cohen ist jetzt 77 Jahre alt. Oft drehen sich die Lieder um vergangene, verrückte Lieben, die nun mit Gelassenheit aus der Ferne beobachtet werden. Nicht dass Cohen an den Ruhestand denkt: er überlege sich, erneut auf Tournee zu gehen, sagt er: «Dann kann ich wieder rauchen.»

Ausserdem habe er während der letzten Tournee neue Songs geschrieben, die er gern aufnehmen möchte. «Wenn Sie dem jungen Leonard, der gerade am Anfang seiner Reise steht, einen Rat geben müssten, was wäre dieser?» fragt jemand. «Nun, ich erinnere mich an meinem alten, verstorbenen Freund Irving Layton, dem wohl grössten Dichter Kanadas», entgegnet Cohen:

«Wenn ich ihm meine Pläne und Hoffnungen schilderte, sagte Irving immer: Leonard, bist Du sicher, dass du auch wirklich das Falsche tust?»

Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört:

Diverse, «I'm Your Man - The Songs of Leonard Cohen» (Sony/Oscar)

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