Hanspeter Künzler: Wie ich fast Live Aid verpennte
Aus dem Familienalbum: Hanspeter «Düsi» Künzler auf der Mike Oldfield Party 1985.
Es kann keine Ausrede geben: Mein Riecher für den Zeitgeist hat damals schlicht gepennt. Die Ankündigung von Live Aid liess mich kalt. Das war eine Sache für die Boulevard-Medien, glaubte ich.
Guter Zweck mit schlechtem Musikgeschmack
Diese waren ja schon mächtig in Wallung geraten, als Bob Geldof und Midge Ure ein paar Monate vorher eine Traube von Superstars für die Benefiz-Single «Do They Know It's Christmas» ins Studio gelockt hatten. Warum muss ein guter Zweck einen so schlechten Musikgeschmack haben? fragte ich mich und legte zur Reinigung meiner Gehörgänge die neueste XTC-Platte auf.
Kribbeln im Bauch wegen des Soundchecks
Dass ich vielleicht doch etwas verpasst haben könnte, ging mir an dem Samstagmorgen beim Einkaufen auf. Am Gemüsestand in der Kilburn High Road verweilte ich zwischen Courgetten und Auberginen, da driftete vom nahen Wembley Stadion her das Rumpeln des Soundcheck über die Stadt. Es gibt nichts Langweiligeres als ein Soundcheck. Aber wenn ein ganzes Stadion vom Sound eines «1-2-3-testing testing» erfasst wird, dann fängt unweigerlich das Kribbeln im Bauch an.
Geballte Landung Adrenalin aus dem TV
Ich trabte mit meiner Aubergine heim und schaltete den Fernseher an. Der Start: Status Quo mit «Rockin' All Over the World». Mit Verlaub kein Lieblingssong von mir. Und doch: Zum ersten Mal je hatte ich bei der Live-Übertragung eines Konzertes das Gefühl, die Aufregung im Publikum strömte aus dem Fernseher wie eine geballte Ladung Adrenalin. Ich hörte auf, mich gegen die Vorstellung zu wehren, den sonnigen Tag vor der Flimmerkiste zu verbringen.
Der grosse F-Moment
Dann kamen auch noch die unbeholfenen internationalen Zuschaltungen - und gerade die Aussetzer, Versprecher und Pannen vermittelten erst recht den Eindruck, dass man Zeuge einer medientechnologischen Pionieraktion war. Und schliesslich der ganz grosse Moment: ein übermüdeter Bob Geldof stiess ins Mikrophon: «Give us your fucking money!»
Mit diesem einen, simplen «fucking» (das F-Wort war damals noch strikte Tabu in den englischen Medien) riss er die letzte Mauer nieder zwischen dem Bild, das über den TV flimmerte, und mir, dem Zuschauer, der sich mitgerissen fühlte und damit quasi Teil des Bildes wurde.
Wenn ich tatsächlich in Wembley gewesen wäre an dem Tag, hätte ich den Moment garantiert verpasst. Enerviert von der endlosen Folge von Popstars wäre ich just in dem Moment in der U-Bahn gesessen und hätte mein Kebab gemampft. So aber: «Give us your fucking money!» (Hanspeter Künzler)
