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19.01.2012

Lautenklang und Tatendrang - Ein musikorientierter Reisebericht von Gregi Sigrist

Er nannte es «Ein Winter im Maghreb nach dem arabischen Frühling» und verabschiedete sich im November für zwei Monate nach Tunesien. Nebst dem kleinen Maghreb-Staat besuchte Musikredaktor Gregi Sigrist auch Algerien und Ägypten - und liess es sich nicht nehmen, vor seiner Rückkehr auf dem Tahrir-Platz in Kairo vorbeizuschauen.

Disco Magreb (Gregi Sigrist/DRS 3)

Gregi Sigrist

Hingebracht nach Tunis hat mich die Neugier und Flug Nummer LH1322 - dort gehalten die Faszination und ein ständig wachsender Fragenkatalog - zurückgebracht Flug Nummer LH581 von Kairo und die Gewissheit, vor Ort unmöglich herausfinden zu können, ob ich irgendwas von dem, was ich mir von dieser Reise erhoffte, kapiert habe.

Der «Soundtrack der Revolution»
Es mag naiv klingen, doch wo immer ich hinreise, versuche ich, in der Musik einen Schlüssel zur jeweiligen Volksseele zu finden. Viel habe ich im Vorfeld über Tunesien und seine Musik gelesen, Beiträge zum «Soundtrack der Revolution» produziert und schnell realisiert, dass die Musik eine Begleiterscheinung der politischen Ereignisse ist. Wie klein die Nebenrolle dieses «Soundtracks der Revolution» in Tunesien aber tatsächlich ist, wurde mir erst vor Ort richtig bewusst.

Klar kennen die Leute die Protagonisten der alternativen HipHop-Szene in ihrem Land - aus den Autos, Kaffees, CD-Läden und Marktständen dröhnen aber keineswegs die Lieder des Revolutions-Vorzeigerappers El General oder der in Paris lebenden Tunesierin Emel Mathlouthi, die in ihren Liedern seit 4 Jahren für Meinungsäußerungsfreiheit kämpft.

«Man beschallt Strassen und Marktstände mit Arab-Pop von Saber Rebaï & Co., die Männerkaffees mit altgedientem Malouf und Chaabi und aus den Taxis pfeift und krächzt eine arabische Sackpfeife namens Mezwed die Lieder, zu denen die Tunesier an ihren Hochzeiten tanzen.»

So wie der «Place 14 Janvier 2011» auf dem zum Verkauf stehenden Stadtplan noch «Place de 7 Novembre 1987» heisst, sind auch die CD-Regale in den Läden, den Souks und an den Kiosken nicht aktualisiert - um nicht zu sagen konservativ bestückt.

Wo sind meine Protestsänger?
Natürlich gibt es sie, die alternative Musikszene, die mehr zu sagen hat als «Habibi, ich lieb dich bis ans Ende meiner Tage». Allen voran der Liedermacher und Zyniker Bendir Man. Seine Fans singen jedes Wort seiner Texte mit - vermarktet wird er jedoch sehr bescheiden und so kam es, dass ich an geschätzt 50 Orten, an denen legal und illegal CDs verkauft werden, nach Bendir Man fragte.

Resultat: 49 wollten noch nie von diesem Musiker gehört haben - einer brannte mir eine CD mit Tracks, die er soeben aus dem Web runtergeladen hatte. Auf der CD war dann allerdings ein übler Querschnitt durch den arabischen Mainstream und ich besorgte mir Bendir Man letztendlich selber illegal übers Netz - was ich seit Tagen hätte tun können, aber nicht wollte.

Bendir Man bei einem seiner Live-Auftritte

Nun gut. Ich habe Tunesien und seine Musik trotzdem liebgewonnen. Verloren aber habe ich mein musikalisches Herz letztendlich an sein westlich gelegenes Nachbarland Algerien.

Algerien steht normalerweise nicht auf dem Reiseplan von Individualtouristen. Schon der Erwerb eines Visums erfordert nebst Geduld und Nerven eine ungesunde Portion Zuversicht. Trotzdem zog es mich in die Stadt, die den Raï berühmt gemacht hat: Oran - oder Wahrān, wie der Algerier die zweitgrösste Stadt seines Landes nennt. Algerien, gebeutelt durch Bürgerkrieg, Terror, Diktatur, Zensur, Seuchen und Krisen hat viel zu erzählen. Um den erwähnten musikalischen Schlüssel zu Geschichte und Volk zu finden, muss man sich allerdings immer wieder an die im Exil lebenden Künstler halten. Wer sich, in welcher Kunstform auch immer, in Algerien systemkritisch äusserte, lebt gefährlich - oder nicht mehr.

«Algerien ist ein Mosaik aus Millionen kleiner Steinchen, die weder ein Muster noch ein Bild erkennen lassen.»

Um nicht unnötig anzuecken und Menschen vor den Kopf zu stossen, gilt es in Algerien einiges zu beachten. Dazu gehört auch vor dem Kauf von Musik abzuchecken, welche Alben auf der persönlichen Einkaufsliste überhaupt verkauft werden dürfen. Nach verbotenem Liedgut fragt man besser bei Ständen, an denen man schon ein paar hundert Dinar verputzt und mit deren Besitzern man vielleicht auch schon mal gelacht oder Tee getrunken hat. Humor ist wichtig, schafft Vertrauen und auch wenn man eher selten zu auf dem Index stehenden CDs kommt - wächst zumindest die Liste und das Begehren nach solchen. Besorgen kann man sich diese dann später ausser Land.

Eine musikalische Landkarte lässt sich aber auch vor Ort mit vom Staat toleriertem Liedgut zusammenstellen. Die Kolonialgeschichte, Religionskonflikte, Kriege, Krisen, Ein- und Auswanderungsgeschichten gehören zu den Mitkomponisten algerischer Musik. Andalusisches vermischt sich mit arabischer Kultur, vom Nordosten dringt die Musik der Kabylei durch, aus dem Süden gesellen sich Tuareg-Klänge dazu und jüdische Melodien ergänzen den akustischen Multikulti-Kreativ-Pool.

«Gefesselt und zu Tränen gerührt war ich ob des musikalischen Reichtums des grössten Landes des afrikanischen Kontinents.»

Gleichzeitig war ich immer weiter davon entfernt, zu realisieren, wo ich sei und wer dort lebe. «Algerien ist ein Mosaik aus Millionen kleiner Steinchen, die weder ein Muster noch ein Bild erkennen lassen», sagte mir ein algerischer Geschichtsprofessor nach einer längeren Unterhaltung. Dieser Satz ist das vielleicht wichtigste Souvenir, das ich aus diesem Land mit nach Hause nahm.

Ein Hauch Freiheit auf dem Tahrir-Platz
Algerien beschäftigte mich auch noch als ich ein paar Tage später in Ägypten landete. Zu meiner grossen Freude brachte mir meine Freundin ein Buch von Boualem Sansal mit. Der Roman des Algeriers fand zuvor keinen Platz in meinem Reisegepäck, da das Werk in seinem Heimatland verboten ist. Sansal liess mich meine Zeit in Algerien Revue passieren, brachte mir gewisse Denkweisen der Algerier näher und doch rückte die Lektüre und das Erlebte schlagartig in den Hintergrund, als ich durch Kairos Strassen Richtung Tahrir-Platz schlenderte.

Tief durchatmen ist eigentlich nicht angesagt in dieser verschmutzten 20-Millionen-Stadt. Mein erster Besuch auf dem Tahrir-Platz liess aber nichts anderes zu als immer wieder stehen zu bleiben, tief durchzuatmen, zu staunen. Es ist beeindruckend und ergreifend, wie die Begegnungszone Tahrir seit mehr als einem Jahr bewohnt und belebt wird. Künstler verarbeiten die brisanten Ereignisse der Revolution und des Strassenkampfs in ihren Bildern, man trinkt Tee, verpflegt sich mit Süsskartoffeln, diskutiert und freut sich über Touristen, die sich auf den Platz «verirrten».

Meinen grossen magischen Tahrir-Moment hatte ich dann aber ein paar Tage später in der Neujahrsnacht. Einmal mehr zog es mich Richtung Tahrir. Diesmal war der Platz halb gefüllt. Man gedachte der Opfer der Revolution, demonstrierte das Miteinander von Moslems und Christen und von der Bühne vernahm ich die Melodie eines mir bekannten Songs.

«Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, was ich soeben erleben durfte.»

Ramy Essam stand da auf der Bühne und sang sein Revolutions-Lied «Irhal». Über den Musiker, der durch seine Auftritte auf dem Tahrir-Platz eine wichtige Figur der Bewegung geworden ist, habe ich im letzten Jahr immer wieder gelesen, selbst berichtet und einiges via youtube verfolgt. Nun spielte er bei einem meiner Besuche auf dem Platz - wie bestellt - seinen Song. «Es findet also wirklich so statt», musste ich laut zu mir selbst sagen, spürte wie sich eine Träne auf mein Unterlied setzte und war unendlich dankbar für diesen Moment. Am nächsten Tag schaute ich mir den Auftritt auf youtube an. Er gleicht den zahlreichen Clips, die ich bereits kenne - doch diesmal war ich dabei.

Ramy Essam in der Neujahrsnacht auf dem Tahrir-Platz

Gregi Sigrist

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Gregi Sigrist auf musikalischen Spuren im Maghreb
Hören (6:21)
Lautenklang und Tatendrang: Die Bilder der Reise (Bildstrecke)
Lautenklang und Tatendrang: Die Bilder der Reise
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