Depeche aus London: «Post Everything» – die tragikomisch-schrullige Selbstinszenierung des Luke Haines
Luke Haines
Wie sagt er es so schön, der Luke Haines, auf Seite 209: «Ich habe in diesem Jahr (die Rede ist von 2004) keine Platten veröffentlicht und ich habe keine neuen Songs aufgenommen. Black Box Recorder sind auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt, und so bin ich zum ersten Mal seit siebzehn Jahren nicht mehr Mitglied einer unpopulären Musikgruppe.» Zu dem Zeitpunkt kümmert er sich auch nicht mehr ums Geschehen in der Musikwelt. Den New Musical Express habe er seit Ewigkeiten nicht mehr gelesen, die monatlichen Zeitschriften sowieso nicht (zwischen ihm und Mojo herrscht eh seit Jahren ein wüster Grabenkrieg, weil Haines dem heutigen Chefredaktor einst die Zukünftige ausspannte). Gerade sitzt der Künstler in einem winzigen Büro im National Theatre, um an einem Musical zu arbeiten, für dessen unverbindliches «development» er einen eher symbolischen Lohn einsteckt. Achtzehn Monate dauert die Arbeit, samt Workshops mit Schauspielern und mannigfachen Diskussionsrunden in garstigen Pubs. Schliesslich kommt es zur Aufführung im kleinen Rahmen, die über die Aufnahme des Stückes ins Programm bestimmt. «Fantastisch! Wundervoll!» schwärmt der Mann mit dem Portmonnaie, nachdem das höchlichst amüsierte Mini-Publikum gröhlend das Mini-Theater verlassen hat. Zwei Wochen später der Bescheid:
«Zu wenig politisch - das National Theatre wird ab sofort nichts mehr mit dieser Produktion zu tun haben.»
Ha! Typisch Haines. So wie überhaupt in seinen lustigen, bärbeissigen Memoiren spart er auch hier nicht mit rüden Worten in seiner Beschreibung der vielen menschlichen Waschlappen und Schlawiner, denen er begegnet. En passent verrät er aber, dass er in seiner verlassenen Klause eine Woche lang nicht am Musical gearbeitet habe, sondern «für den Notfall» genug Lieder für ein Album komponiert hätte. «Der Notfall trat allerdings schneller als erwartet ein.» Im nächsten Kapitel balgt er sich dann mit einem hoffnungslosen Indie-Plattenfirmenkapitän, der am Telephon heulend zusammenbricht, als Haines das versprochene Geld einfordert.
Luke Haines ist ein schrulliger Engländer der aussterbenden Sorte. Einer, der zumindest in der Oeffentlichkeit immer die künstlerische Konfrontation sucht und keine Möglichkeit auslässt, im falschen Moment einen bösen Spruch über die geistlosen Flausen der modernen Welt fallen zu lassen. Einmal, am Anfang der 90er Jahre, war er mit seinen feinen Chansons und witzig-bösen Texten selber Teil der schönen, neuen Popwelt. The Auteurs hiess seine Band damals, durchaus nicht ohne Selbstironie. Aber als die Britpop-Welle anrollte, die, so hätte man geglaubt, in Erinnerung an ähnlich schräge Vögel in der englischen Popgeschichte Platz gehabt hätte für seine kauzigen Einfälle, formierte er eine neue Band und nannte sie Baader Meinhoff. Und dann noch eine, der Ex-Jesus & Mary Chain-Drummer John Moore sowie die Sängerin Sarah Nixey angehörten, die hiess Black Box Recorder. Immer gab es tolle Kritiken (ausser in Mojo), fast immer waren die Verkäufe «disappointing», nur die Single «Facts of Life» von BBR schaffte es mal auf Platz 20. Aber die Vorschüsse für seine diversen Projekte - ein Album pro Jahr - und allerhand «Entwicklungsbeiträge» von Plattenfirmen, welchen die resultierenden Demos dann doch nicht passten, erlaubten es Haines immerhin, im schnellen grünen Sportwagen zwischen seinem Haus in Brighton und seiner Wohnung in Camden Town zu pendeln. Dazwischen rief er zu einem einwöchigen Musikstreik auf, der zu seinem grossen Erstaunen von der Presse richtiggehend ernst genommen wurde. Einmal veröffentlichte er eine neue Single mit limitierter Ausgabe, die nur an einem einzigen Tag in den Shops erhältlich war - allerdings war dieser Tag ein «Bank Holiday» wo Plattenläden natürlich alle geschlossen blieben. Alles ging leidlich gut - bis dann leider das Kartenhaus der Plattenindustrie einstürzte und für solche Eigenbrötler wie ihn kaum mehr ein Groschen übrig blieb. Jetzt schreibt er halt Bücher. «Post Everything - Outsider Rock and Roll» ist nach «Bad Vibes: Britpop and My Part in its Downfall» sein zweiter Memoirenband.
Der Grundtenor ist magisterial schlechte Laune - ganz toll! Er geizt auch nicht mit Giftpfeilen.
Bono zum Beispiel (in meinen Breitengraden «Bongo» genannt) dürfte Haines nie mehr ins Gesicht blicken wollen, wenn er ihn in der VIP-Lounge des Meltdown-Festivals nicht eh schon geschnitten hätte.
Dennoch hat Haines der Musik nicht ganz den Rücken gekehrt. Gerade ist von ihm ein neues Kozeptalbum erschienen (ich bin ihm leider noch nirgends begegnet, werde drum wohl doch noch zu Maus und Plastik greifen müssen): «9 1/2 Psychedelic Meditations On British Wrestling Of The 1970's And Early 1980's» (Fantastic Plastic). Und im Schreibmoment ist er unterwegs ins Studio mit Ex-Microdisney- und -Fatima Mansions-Sänger Cathal Coughlan. Die beiden haben für das Theaterfestival in Edinburgh eine Revue mit dem Titel «The North Sea Scrolls» konzipiert, in welcher eine alternative Geschichte von England erzählt wird - eine, wo nicht England Irland besetzte, sondern umgekehrt. Daraus wird nun ein Album.
Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört:
Luke Haines, "The Oliver Twist Manifesto" (Hut/EMI)
Und gelesen: Luke Haines, "Post Everything" (Heinemann, London)
http://www.lukehaines.co.uk/
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