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Dienstag, 31.1.2012

Was ist die Wall Street?

«Wall Street» heisst eine kleine Strasse an der südlichen Spitze Manhattans. Doch ihr Einfluss ist grösser geworden, und reicht heute bis an eure Tankstelle.

Finanzspezialist David Pologruto an seinem Arbeitsplatz an der Wall Street. (key)

Von Michaël Jarjour

Freier Journalist in New York, ihr findet ihn auf Twitter unter @derjarjour.

An rund 250 Tagen pro Jahr wird hier gehandelt. Wenn es vier Uhr wird, bricht die Welt in ein bisschen Aufregung aus. In Millionen Fernsehern, Radios und auf Internetseiten wird dann analysiert, was gelaufen ist.

Die Holländer haben der Strasse ihren Namen gegeben und mächtige, weisse Männer haben sie zum grössten Finanzplatz der Welt gemacht. Oder zum zweitgrössten, je nachdem, wen man fragt.

Ein Fünftel davon, was die New Yorker verdienen, wird hier an der Wall Street verdient. Ein Batzen, der die Finanzindustrie zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige der Stadt macht. Und auch der Grund, warum die Amerikaner es lieben, die Strasse zu hassen.

Ein bisschen Geschichte
Begründet wurde der Aufstieg der Wall Street, hier in der Strasse vor der Hausnummer 68, so die Legende. Das war vor über zweihundert Jahren im Mai.

Unter einem Baum haben ein Dutzend Händler einen Deal gemacht. Künftig würden sie nur noch untereinander handeln, und das zu besseren Konditionen, stand im «Buttonwood»-Deal, benannt nach dem Baum.

Das erste Papier, mit dem gehandelt wurde, war ein Schuldschein der neuen Regierung. Sie brauchte Geld, um für den Unabhängigkeitskrieg aufzkommen. Sie verkaufte den Schein für 80 Millionen an eine Wall-Street-Bank.

Die Wall Street heute
All dies steht im Buch «Wall Street» von Charles Geisst, ein Professor am Manhattan Institute. «Aktien und Schuldscheine, damit wurde gehandelt damals, und das blieb mehr oder weniger so bis in die Zwanziger», sagt er auf DRS 3.

Noch heute ist die Börse an der Wall Street, jetzt an der Nummer 11, doch «die Wall Street hat expandiert», so Geisst. «Wenn heute etwas mit dem Öl-Preis passiert, dann wird auch die Wall Street beschuldigt.» Und zurecht.

Angefangen hat das in den Siebzigern. Die Wall Street hat die Konkurrenz aus dem eigenen Land gespürt. «An der LaSalle-Street in Chicago wurde mit Rohstoffen und Gütern spekuliert.» Doch die traditionellen Wall-Street-Firmen waren schnell auch im Geschäft.

Als Beispiel: 1981 kaufte die Wall-Street-Traditionsfirma Goldman Sachs eine Firma, die auf den Handel mit Kaffee und Gold spezialisiert waren. Heute gehört Goldman Sachs zu den grössten Händlern mit Gütern und Rohstoffen.

Die Wall Street war nicht mehr länger nur ein Aktienmarkt, der in dieser Zeit, ähnlich wie heute, nicht viel abwirft. Das Geld machte man nun mit Spekulationen mit Gold, Kaffee und Sojabohnen.

Die Technologie war ein zweiter Grund, warum die Wall Street sich «fast verdreifacht hat in der Grösse», wie Geisst sagt. Heute ist die Wall Street nicht mehr an der Strasse.

Zügeltermine
Bis 1980 musste man an der Wall Street residieren, um beim New Yorker Aktienmarkt mithandeln zu dürfen. Das war vorgeschrieben, weil die Aktien des Gesetzes wegen Ende Woche zu den neuen Besitzern gebracht werden mussten.

Heute, natürlich, ist das nicht mehr so: Die grössten Wall-Street-Firmen sind weggezogen von der Wall Street, der 11. September 2001, der weite Teile der Wall Street mit Staub zugedeckt hat, hat das nur begünstigt.

Was wird also an der Wall Street gehandelt? Die kurze Antwort ist: alles. Aktien von Firmen, Finanzprodukte mit Schulden und Darlehen, und Spekulationen auf Rohstoffe.

Mehrere tausend Firmen sind heute an den Börsen der Wall Street gelistet. Die bekannteste Liste ist der Dow-Jones-Index. Eine Liste von Firmen, zusammengestellt von den Herausgebern des «Wall Street Journal».

Im Dow-Jones-Index sind auch Schweizer Firmen wie die UBS oder die Novartis vertreten. Im anderen New Yorker Aktienmarkt, dem NASDAQ, sind Technologiefirmen wie Google oder die Schweizer ABB gelistet.

Eine amerikanische Tradition
Die Beziehung der Amerikaner zur Wall Street ist eine, nun, amüsante Beziehung. Sie ist etwa so stabil wie die der amerikanischen Celebrities, nämlich nicht stabil, gar nicht.

Noch nie habe sich die Wut auf die Wall Street allerdings so gezielt an die ganze Strasse gerichtet, wie bei den «Occupy»-Protesten letztes Jahr, sagt Charles Geisst. Eine «amerikanische Tradition», schrieb kürzlich ein Journalist in der New York Times.

Doch er glaubt auch, dass die Wut wieder vorbeizieht: «Wenn es wieder aufwärts geht mit der Wirtschaft, wenn Menschen mit Aktien wieder Geld machen, dann wird die Wall Street wieder geliebt werden», sagt Geisst.

Nur eine Wall Street
Die Politik redet der Wall Street kaum ins Geschäft in den USA. Nicht wie in Europa. «Wenn es versucht wird, fallen an der Wall Street schnell Worte Worte wie ‹europäischer Sozialismus›.»

So habe die Wall Street über die Jahre eine «ganz eigene Persönlichkeit entwickelt». Eine mächtige Persönlichkeit. Mächtig in New York, in den USA und in der Welt.

Eine Persönlichkeit, «mächtiger als der Präsident». Denn seit es die Wall Street gibt, gab es dreiundvierzig Präsidenten. Aber nur eine Wall Street.

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