Wir wellnessen: Das Jahrzehnt der teuren Entspannung
Die Tschuggen-Bergoase in Arosa, einer der teuersten Wellness-Tempel Europas.
Yogalates: Das sind zwei Nullerjahre-Trends auf einen Schlag, es handelt sich hier nämlich um eine Kombination von Yoga und Pilates. DRS 3-Reporterin Sophie Gut wollte wissen wie Yogalates geht. Also rollte sie in der guten Stube ihr «Mätteli» aus und schob den Yogalates-Kurs ins DVD-Gerät.
Vom Kneippen über Tai Chi bis hin zum Kraftort mit Alpenpanorama: Der Nullerjahre-Mensch strömte dankbar überall hin, wo Entspannung versprochen wurde. «Wellness», ursprünglich zusammengesetzt aus «Wellbeing» und «Fitness», wurde daher zum Erfolgsrezept für die Tourismusindustrie.
Richtlinien gegen Scharlatanerie
Was Österreich und Deutschland schon in den 90er Jahren entdeckt hatten, begann um das Jahr 2000 herum auch in der Schweiz Fuss zu fassen: ein Hotel nach dem anderen wurde für zweistellige Millionenbeträge zum Wellness-Resort umgebaut und köderte seine Gäste fortan mit Sprudelbad, Duft-Sauna, Hot Stone Massage, Monsundusche, Mineralschlamm-Hautkur, Ayurveda-Diätberatung oder Pilates-Workshops. Mit Erfolg: Zu Beginn des Jahrzehnts wurden in der Schweiz rund eine Million Wellness-Übernachtungen verzeichnet, 2002 schon eineinhalb Millionen.
Schon 2002 wurde das Schweizer Wellness-Angebot so unübersichtlich, dass Schweiz Tourismus klare Richtlinien erstellte, um Chaos und Scharlatanerie zu vermeiden. Wer sein Hotel als Wellnessbetrieb bezeichnen will, muss seither z.B. garantieren, dass Massage- und Beauty-Angebote täglich zur Verfügung stehen, dass das Menu mindestens ein vegetarisches Angebot beinhaltet, oder dass Diäten nur unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden.
Exotisch-europäischer Mischmasch
Unübersichtlich ist das Wellness-Angebot jedoch bis heute, schon aufgrund seiner schieren Vielfalt: für jeden Geschmack gibt es die passende Behandlung oder das persönlich zugeschnittene Bade-Ritual.
Dabei wird mit Vorliebe Exotisches importiert und nach Belieben an westliche Bedürfnisse angepasst: Der europäisch-arabische Hammam dient natürlich nicht wie ursprünglich der Reinigung vor dem Gebet (auch wenn entsprechende Gebetssprüche in arabischer Schrift an die Wände der Anlagen gepinselt sind), und den Yoga-Workshop gibt es auf Wunsch auch ohne spirituelle Dimension. Der Wellnessboom ist auch ein Boom der Misch-Formen: Vom fitnessorientierten Power-Yoga bis hin zur spirituell angereicherten Meditationssauna.
Wellness auch im Ladenregal
Der Wellnessboom erfasste in den Nullerjahren aber auch den Detailhandel: Unzählige - zuvor banal untrendige - Gegenstände konnte man damit verkaufen, vom Gesundheitsschuh bis zur Duftkerze, vom Shampoo bis zur Konfitüre. Sogar Futterdosen für Hund und Katze werden mit dem Wort «Wellness» verziert. Der Begriff ist nämlich nicht geschützt, und anders als im Tourismussektor gibt es für den Detailhandel bisher auch keine Richtlinien für seine Verwendung. (gut)
