Tschüss «chäferli79»: Facebook und das Ende der Anonymität
Seit Facebook diskutieren wir nicht mehr mit verborgener Identität. (iStock / Montage: DRS 3)
Im Internet, das sich laufend verändert, haben nur zwei Gesetze Bestand. Das erste heisst «Godwins Gesetz» und lautet: «Je länger eine Diskussion im Internet dauert, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass etwas mit Hitler verglichen wird.»
Das zweite Gesetz heisst «John Gabriel's Greater Internet Fuckwad Theory» und lautet: «Normale Person + Anonymität + Publikum = Totaler Idiot».
Atemberaubend dumme Kommentare
Beide Gesetze wurden 2004 formuliert; wer regelmässig die Kommentare z.B. auf Youtube liest, sieht sie laufend bestätigt. Die grosse Freiheit im Internet macht aus einigen Menschen äusserst unangenehme Zeitgenossen. Wortmeldungen sind rassistisch, sexistisch oder einfach atemberaubend dumm.
Das hat zwei Gründe. Einmal die schriftliche Form der Kommunikation - ein fruchtbarer Boden für allerlei Fehlinterpretation, die mündlich nicht passieren würde. Wenn wir den Ton einer Stimme nicht hören, nehmen wir Ironie für bare Münze. Wenn wir über einer Aussage eine Nacht lang brüten können, machen wir aus der Mücke einen Elefanten.
Und dann finden die Gespräche oft anonym statt. Wir sind allein mit unseren Gedanken, wir sehen und kennen unser Gegenüber nicht. Und wir tippen Sätze in die Tastatur, die wir einem Menschen aus Fleisch und Blut niemals so ins Gesicht sagen würden. In der Anonymität brechen soziale Kontrollmechanismen weg.
Ohne Gesicht unzivilisiert
Doch das Jahr 2004 brachte nicht nur die Erkenntnis, dass Anonymität das Internet zu einem recht unzivilisierten Ort gemacht hatte - es brachte auch die Wende. In seinem Zimmer an der Harvard University in Boston schrieb Mark Zuckerberg den Code für Facebook und startete damit das erfolgreichste soziale Netzwerk der Welt.
Heute sind 400 Millionen Menschen auf Facebook aktiv und verbringen fast eine halbe Stunde täglich auf der Seite. Sie geben viel von sich preis: Wie sie heissen, was und wen sie mögen, und was sie am Samstag Abend oder in den Ferien treiben.
Facebook wächst nicht nur, es breitet sich auch aus. Mit Facebook Connect ist es möglich, sich auf Blogs und in Diskussionsforen mit dem Facebook-Namen anzumelden, also mit der gleichen Identität aufzutreten wie auf Facebook.
Das ist das Ende der Anonymität - die Kernfunktion eines sozialen Netzwerkes. Aus «gast3462» wird «Rolf Müller», aus «chäferli79» wird «Sabine Meier». Wir haben wieder ein Gesicht, einen Ruf und einen Kontext. Wir erinnern uns daran, dass wir es auch auf dem virtuellen Internet mit realen Menschen zu tun haben, und dass wir uns entsprechend benehmen sollten.
Die Vorteile der Anonymität
Dass die Anonymität auf dem Rückzug ist, darf aber nicht nur erfreuen. Es ist zwar meist angenehmer, wenn sich alle benehmen. Doch genau dieser zivilisierende Effekt einer Gruppe schränkt ein: Weniger Anonymität bedeutet weniger Freiheit.
Ein Beispiel dafür ist WikiLeaks. Die Seite sammelt und publiziert brisante Informationen, aus Regierungen, Unternehmen und anderen Organisationen. Hier können sogenannte «Whistleblowers» anonym Insider-Informationen veröffentlichen, ohne persönlich negative Auswirkungen befürchten zu müssen.
Einige Beispiele: Dokumente über Standardvorgehensweisen in Guantànamo, interne Materialien der Scientology, eine Mitgliederliste der britischen Rechtsaussen-Partei BNP, einen Report über einen Giftmüll-Skandal vor der Elfenbeinküste oder hunderttausende Pager-Meldungen, die während 9/11 versandt wurden.
Die Seite hat sich mehrfach erfolgreich gegen Abschaltungs-Versuche gewehrt, der Gründer hat von Amnesty International eine Auszeichnung erhalten. Nur die Zusicherung der Anonymität der Informationslieferanten macht WikiLeaks möglich.
Unter dem Schutz der Anonymität kann ausserdem anarchische Kreativität gedeihen. Das zeigt das Diskussionsforum 4chan und insbesondere das dort angesiedelte /b/-Board. Der Umgangston ist rau, den Inhalten sind keinerlei Grenzen gesetzt und alles ist anonym. Doch was auf Uneingeweihte wie pubertäre Insider-Witzeleien und schockierende Tabulosigkeit wirkt, hat die Internet-Kultur massgebend beeinflusst. Die sprechenden Katzen «lolcats» oder «Rickrolling» - ein unerwartetes Musikvideo von Rick Astley - entstanden auf 4chan.
Sarah Palins private Emails
Die «/b/tards» schafften es, dass ein Hakenkreuz die «Hot Trends»-Liste von Google anführte, dass der Gründer von 4chan («moot») an der Spitze der Liste der einflussreichsten Personen des Magazins TIME auftauchte, dass die Apple-Aktie einen Absturz erlebte, weil eine falsche Geschichte über einen Herzinfarkt Steve Jobs' verbreitet wurde, oder dass man einige private Emails der amerikanischen Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin lesen konnte.
Dabei geht es um mehr als groben Schabernack. 4chan fordert mit einem antiautoritären Reflex immer wieder etablierte Institutionen, Medien und Moralvorstellungen heraus, entlarvt Heuchler und Wichtigtuer und stemmt sich gegen die kommerzielle Vereinnahmung von Jugendkultur. Möglich ist das in dieser Radikalität nur anonym.
Bei aller Freude an der zivilisierenden Wirkung der sozialen Netzwerke darf deshalb nicht vergessen werden, dass Anonymität genau die geistige Freiheit ermöglicht, die den Kern des Internets ausmacht. (beg)
Mitdiskutieren: Findet ihr die Anonymität im Internet schützenswert? Eure Meinung in Guidos Blog.
