Buch-Tipp: Michèle Minelli «Adeline, grün und blau»
Die Zeichnung auf dem Umschlag des Buches prägt sich ein: Eine junge, vollbusige Frau mit skeptischem Blick, die Arme, man sieht es nicht, könnte es aber ihrer Haltung wegen vermuten, vielleicht hinter dem Rücken gefesselt. Schmetterlinge verschliessen den Mund. Es ist ihr Blick, der spricht. Könnte das Adeline sein, die Protagonistin des Romans?
Diese lernt, noch keine 20 Jahre alt, Dave kennen und lieben. Sie folgt dem Mann, der sie erst verzückt zu seiner Nummer 1 erklärt, in dessen Heimat - eine karibische Insel - und stösst bei seiner Familie auf Ablehnung gegenüber weissen Frauen. Adeline pendelt darob zwischen Anpassung und Rückzug.
Minelli erzählt die Geschichte von Adeline atmosphärisch, die Autorin weiss ganz genau, wie sie die Sprache optimal mit dem Thema verschmelzen lassen kann; zum Beispiel lässt sie Dave, als er Adeline zu verprügeln beginnt, von «Korrekturen» sprechen.
Man kombiniert beim Lesen Adelines Voraussetzungen; ihr jugendliches Alter, ein Elternhaus, dessen Türe nie offen stand, der Selbstmord der Schwester; man kann nachvollziehen, warum die Protagonistin dieses Buches tickt, wie sie tickt und bei Dave bleibt, selbst als sie herausfindet, dass er neben ihr noch viele andere Frauen hat - nicht, dass man Adeline verstehen würde oder müsste, aber Minelli schafft es, die Figur absolut glaubhaft zu beschreiben.
Adelines Aufbruch passiert spät und vielleicht nur dank des gemeinsamen Sohnes. Dieser Roman über Gewalt in der Familie erzählt eine unfassbare Geschichte, er erzählt sie unzimperlich und kann vielleicht darum bei den Lesern verschiedenste Gefühle wachrufen.
Das Buch:
Michèle Minelli «Adeline, grün und blau»
Roman, 212 Seiten
Verlag: Edition Isele, 2009
ISBN: 978-3-86142-460-4
SFR. 29.--
Mehr zu den Stichwörtern:
