Buch-Tipp: «Sturz durch alle Spiegel» von Ursula Priess
«Sturz durch alle Spiegel» - verfasst von Max Frischs Tochter Ursula Priess - ist am 5. Juni erschienen und geht bereits in die dritte Auflage. Das Buch wird nicht nur gekauft, sondern offenbar auch gelesen: Nie zuvor wurde ich so oft auf ein Buch angesprochen und mit Meinungen dazu überrascht. Für Jüngerinnen und Jünger von Max Frisch ist die Lektüre eine Selbstverständlichkeit.
Intime Eindrücke
Man erfährt keine neuen biografischen Eckpunkte, erhält aber (be)rührende intime Eindrücke von Frischs’ Verhalten während der Tochter-Vater Zweisamkeit. Beim Lesen haben sich mir allerdings auch Fragen gestellt: Darf man den Vater in Krankheit und während des Sterbens beschreiben, wenn der Vater eine öffentliche Figur war und ist? Ausserdem hätte ich gerne erfahren: Wie fühlte sich das Kind Ursula, dessen Vater sich vor der Familie zurückzieht (flüchtet?), um zum schreiben? Wie geht sie mit den Erwartungen um, die ihr entgegen schnellen, wenn sie den Namen ihres Vaters nennt?
Wie ist Max Frisch als Vater?
Priess bettet die Erlebnisse mit ihrem Vater in folgende Geschichte ein: Die Frau - Frischs Tochter - trifft in Venedig einen Mann, mit dem sie bis dahin nur telefoniert hat. Es stellt sich heraus, dass er mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zu der Zeit in Kontakt stand, als diese mit Max Frisch liiert war. Der Mann scheint dem Druck dieser Verstrickung nicht standhalten zu wollen und flüchtet; was die Frau zur Frage führt, die sich ihr in immer wieder anderer Form zeigt: Was bedeutet es, Max Frisch zum Vater zu haben?
Ein Muss für Liftfahrer
«Sturz durch alle Spiegel» ist ein Muss für geübte Liftfahrer; Ursula Priess bedient viele Stockwerke: Vater-Tochter-Beziehung, eine flammende (und gelöschte) Mann-Frau Begegnung in Venedig, und eine Art «intime Aussensicht» auf einen der bedeutendsten Autoren der Nachkriegszeit. (tk)
Ursula Priess: «Sturz durch alle Spiegel»
ISBN: 978-3-250-60131-4
Roman, Ammann-Verlag
CHF 33.90, 168 Seiten
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