Buch-Tipp: Anke Stelling «Horchen»
Verloren in Orientierungslosigkeit («Ja gut», sagt die Mutter, wenn Katja etwas sagt, «stimmt, aber man kann es auch andersherum betrachten») sucht Katja nach klaren Definitionen und Aufgaben. Ein Kind, denkt sie, würde ihr eine Rolle geben. Als es nach einigen Versuchen nicht zu einer Schwangerschaft kommt, reist sie in die ostsächsische Provinz um eine Jugendliebe zu suchen und lernt Gernot kennen.
Sich klein lassen machen und klein bleiben
Katja verfällt Gernots brüsker Art sofort. Er nimmt sie zum Treffen der Sekte mit, der er angehört, den «Lord’s Followers». Katja findet in diesem Konstrukt eine Rolle und geht darin auf: Seine Regeln werden zu ihren Gesetzen, seine Doppelmoral zum Inhalt ihres Studierens.
Sie kocht für ihn, versucht so zu sein, wie sie annimmt, dass er sie haben möchte, nimmt seine Demütigungen hin, die sie klein machen und bleiben lassen, klein, aber eben in einer Rolle, in der sie weiss, was sie zu tun hat – unter anderem auch, ein Kind in diese kleine Gemeinschaft, die sie nur fühlt und die nicht wirklich existiert, zu gebären.
An die Grenze stossen
Das Buch handelt von einer Frau, die alles andere als naiv ist – das liest man in ihren Reflektionen, den Briefen, die sie gedanklich schreibt, den Dialogen, die sie mit ihren Eltern und andern führt. Sie ist klug, lebenstüchtig und humorvoll. Nur sucht sie nach einer Rolle und, als sie eine gefunden hat, nach den Grenzen dieser Rolle – die sie schliesslich findet.
«Horchen» ist ein Muss für: Schluckaufbefallene. Die Gefälle zwischen Fühlen, Denken und Handeln können erschrecken – besonders, weil die Autorinnenhand so gut durch die Geschichte führt, dass man sicher ist, dass sie sich genau so zutragen könnte.
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