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22.11.2010

Film-Tipp: Spray dich frei!

Zuerst hält man «Exit Through the Gift Shop» für eine witzige Doku über Street Art. Dann für eine Satire über den traditionellen Kunstbetrieb. Sicher ist nur eines: Der Film bietet pures Vergnügen.

Thierry Guetta hätte sich statt Mr. Brainwash besser Warhol-Klon genannt. (Filmcoopi)

Der Franzose Thierry Guetta hat sich in den 80ern in Los Angeles niedergelassen. Dort dreht er den Amis Ramsch-Kleider als überteuerte «Vintage»-Mode an. Seine eigentliche Leidenschaft gehört jedoch seiner Videokamera.

Thierry filmt alles und jeden und zwar ununterbrochen. Das Kameraobjektiv wird sein drittes Auge. Als er eines Nachts Streetart-Künstler mit der Kamera begleitet, löst das Erlebnis eine ungeheure Euphorie aus.

Nächtlicher Nervenkitzel
Der nächtliche Nervenkitzel begeistert Thierry genauso wie die Poster, Schablonen-Gemälde oder Sprayereien von Szene-Künstlern wie Shepard Fairey oder Space Invader. Aber er möchte den berühmtesten von allen filmen: Banksy.

Alle winken ab und behaupten, der Engländer lasse sich nicht filmen. Doch Thierry schafft es und gewinnt auch Banksys vertrauen. Allerdings verspricht er ihm, aus dem Videomaterial einen Dokumentarfilm zu machen.

Formel-1-Pilot auf Koks
Bloss hat Thierry keinen Schimmer, wie man das anstellt. Was der Hobbyfilmer zusammenschneidet sieht aus, als würde sich ein Formel-1-Pilot auf Koks wortlos durch 99 TV-Kanäle zappen.

Da übernimmt Banksy das Szepter. Um Thierry loszuwerden und dessen Materialüberfluss allein zu sichten und neu zu schneiden, schlägt er ihm vor, es doch selber mal mit Streetart zu versuchen.

Zweifel an der Echtheit
Begeistert stürzt sich Thierry in das neue Abenteuer und steht nun plötzlich selber vor der Kamera. Spätestens hier beginnt man daran zu zweifeln, ob «Exit Through the Gift Shop» ein «gewöhnlicher» Dokumentarfilm ist.

Und was hat der merkwürdige Titel zu bedeuten? «Ausgang durch den Geschenkladen» ist vermutlich eine Anspielung auf die unsäglichen Souvenir-Shops in Kunstmuseen respektive auf Kunst als Business.

Kunstimitator wird reich
Genau das praktiziert Thierry nämlich. Er nennt sich Mr. Brainwash, klaut allerlei Motive bei der Popart und verkauft seine Werke genauso überteuert wie seine falsche «Vintage»-Mode. Banksy findet das nicht so toll.

Aber genau so scheint der zeitgenössische Kunstbetrieb zu funktionieren: Einer behauptet, etwas sei Kunst. Und wenn andere es glauben und mit vielen Dollars sanktionieren, dann ist es auch so.

Das ist wohl der richtige Moment, um zu erwähnen, dass der Name des Regisseurs Banksy lautet. Der Mann also, der zuerst das begehrteste Objekt von Thierrys Filmerei war, nun aber nur noch eine Nebenrolle spielt.

Jeder Zirkus braucht Clowns
Der unangefochtene Star ist der liebenswert chaotische Thierry Guetta alias Mr. Brainwash. Und wer nun glaubt, alles sei eine Farce und bloss inszeniert, der sollte die Homepages von Mr. Brainwash und Banksy besuchen.

Banksy ist sicher real, und die Filmaufnahmen sind dokumentarisch, auch wenn der Wille zur Inszenierung immer mitspielt. Vielleicht spricht man ja deshalb vom Kunstzirkus. Auf alle Fälle regt der höchst unterhaltende Film mehr zum Nachdenken an als jede Abhandlung über Kunst. (rb)

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