Höhenmedizin
Rund 50 Prozent der Bergsteiger leiden in Höhen über 4000 Metern an Symptomen der akuten Bergkrankheit oder Anzeichen von drohenden Lungen- oder Hirnödemen. Mit diesen «Bergsteiger-Sorgen» rund um Akklimatisation und Höhentoleranz beschäftigt sich die Höhenmedizin.
Der italienische Physiologe Angelo Mosso studierte 1893 als erster Mediziner die Auswirkungen der Höhe auf den menschlichen Körper. Seine Arbeit hat – zusammen mit den Anstrengungen zahlreicher anderer Mediziner und Forscher - Früchte getragen: Heute wissen die meisten Bergsteiger um die Gefahren in der Höhe.
Die Akute Bergkrankheit, das Höhen-Lungen-Ödem oder das noch gefährlichere Hirnödem sind für viele Berggänger zumindest vom Hörensagen her gefürchtete Begleiter am Berg. Jeder weiss: Bei heftigen Symptomen wie Erbrechen, Schwindelgefühlen oder blutigem Auswurf ist ein sofortiger Abstieg zwingend.
Eine junge Disziplin
Erst seit rund 25 Jahren erforschen Mediziner in der ganzen Welt die Bergsteiger-Krankheiten konsequent. Die Schweizer Höhenmediziner gehören dabei schon seit Jahren zur internationalen Spitze.
Eine wesentliche Rolle bei der Erforschung der Höhenkrankheit spielt die höchstgelegene Berghütte Europas, die Capanna Regina Margherita auf 4559 Metern über Meer hoch über Zermatt, eine wesentliche Rolle.
Die Hütte des italienischen Alpenclubs ist jenes Alpen-Labor, welches in den letzten 25 Jahren die wichtigsten Erkenntnisse über die Bergkrankheiten und mögliche Therapien erst möglich gemacht hat.
Realistische Forschungsprojekte
Zu jenen Medizinern, die seit 1983 ihren weissen Kittel gegen Faserpelz, Gore-Tex-Jacke, Steigeisen und Pickel tauschen, gehört auch Marco Maggiorini.
Der Höhenmediziner und Chefarzt der Intensivstation des Zürcher Unispitals erinnert sich: «Wir haben 1983 Neuland betreten und uns trotz Kopfweh und verschwitzten Kleidern bei der Vorbereitung für die ersten Messreihen auf der Margherita-Hütte glücklich geschätzt.»
Forscher wie Maggiorini haben der Margherita-Hütte auch als Forschungsplatz zu internationaler Bekanntheit verholfen. Endlich waren realistische Forschungsprojekte möglich. Die Klima-Kammer hatte als alleinige «trockene» Forschungsbasis lebendige und stimmungsvolle Konkurrenz erhalten.
Forschungsexpeditionen: Aufwändig und wichtig
Neben dem höchstgelegenen Forschungslabor spielen bei der Erforschung der Höhenkrankheiten auch Forschungsexpeditionen in noch höhere Sphären eine wichtige Rolle. Der personelle und logistische Aufwand freilich ist noch grösser als auf der Margherita-Hütte.
Dennoch steht alle paar Jahre eine grosse Schweizer Forschungsexpedition auf dem Programm. Unter der Leitung der beiden jungen Höhenmediziner Urs Hefti und Tobias Merz wurden bereits 2001 am über 8000 Meter hohen Sisha Pangma (Tibet) Forschungsgrundlagen erarbeitet. 2005 folgte ein zweites, grosses und vom Schweizer Fernsehen SF begleitetes Höhenmedizin-Projekt auf den knapp 7600 Meter hohen Muztagh-Ata in Westchina. Es war mit knapp 100 Personen die grösste Schweizer Forschungsexpedition aller Zeiten.
2009 nun steht eine weitere grosse Expedition an: 40 Schweizer Bergsteiger arbeiten am knapp 7200 Meter hohen Pik Lenin in Kirgistan. Die Forscher versuchen mit 30 Testpersonen die überraschenden Resultate der Muztagh-Ata-Expedition zu bestätigen.
Zunehmende Bedeutung der Höhenmedizin
Der Stellenwert der Höhenmedizin hat mit der Entwicklung von Alpinismus und Trekking-Tourismus deutlich zugenommen. Die Grundlagen-Arbeit aber ist teuer und aufwändig. Realitätsnahe Forschungsprojekte in grosse Höhen bleiben die Ausnahme.
